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Komödie „Normal“ mit Bob OdenkirkKugelhagel im Schnee

Die Actionkomödie „Normal“ von Ben Wheatley bietet eine Paraderolle für Hauptdarsteller Bob Odenkirk. Klischees umschiffen Regie und Drehbuch geschickt.

In „Normal“ bekommt es Sheriff Ulysses (Bob Odenkirk) mit einer heftigen Lage zu tun Foto: Leonine

Nach einem fehlgeschlagenen Auftrag vor die Wahl gestellt, einen Teil eines Fingers zu verlieren oder den Kopf, entscheiden sich immerhin zwei von drei Yakuzas für den Finger. Der dritte täuscht nur an und wird vom Chef prompt mit einem Schwert geköpft. Danach werden die beiden Gangster strafversetzt, mitten hinein in die Handlung von Ben Wheatleys neuem Film, nach Normal, einer dauerverschneiten Kleinstadt in Minnesota.

Genau dorthin, wo Ulysses Richardson (Bob Odenkirk) nach einem Karriereknick als temporärer Sheriff seinen Dienst tut, mit dem Vorsatz, die Stadt „genauso zu verlassen, wie er sie vorgefunden hat“. Doch Normal, das wird bei Ben Wheatley niemanden wundern, wird sich als Stadt schon bald als nicht ganz so normal und piefig erweisen. Und die Vorliebe des Regisseurs für Genrefilme ist ohnehin schon in der Eröffnungsszene mit den Yakuzas nicht zu übersehen.

Das Drehbuch von Derek Kolstad und Bob Odenkirk entwirft das Setting mit viel Sinn für Details, was Wheatley in der Inszenierung mit großer Leichtigkeit aufgreift. Im Großen sind das scheinbar bekannte Bilder: pittoreske Schneelandschaften, Kleinstadtidylle und das abgehalfterte Hotel, in dem Richardson abgestiegen ist, im Kleinen die knatschende Lederjacke von Mike Nelson, dem etwas schlichten Polizisten, mit dem Richardson Streife fährt, und eine ganze Bandbreite von Be­woh­ne­r*in­nen (streitlustige Kunden des Heimwerkermarktes, abgebrühte Angestellte im Eiscafé und ein eitler Bürgermeister).

Der Film

„Normal“. Regie: Ben Wheatley. Mit Bob Odenkirk, Henry Winkler u.a. USA 2025, 90 Min.

Die heile Kleinstadtfassade bekommt erste Risse, als Richardson versucht, die Umstände zu verstehen, unter denen sein Vorgänger umgekommen ist. Endgültig bricht sie zusammen, als es zu einem Überfall auf die Bank kommt. Richardson findet sich in einem Kugelhagel wieder, der die Dimensionen selbst einer US-Kleinstadt übersteigt.

Mut zu eigenen Akzenten

„Normal“ geht auf eine Drehbuchskizze von Derek Kolstad zurück, noch bevor dieser mit Odenkirk bei „Nobody“ (2021) zusammenarbeitete. Odenkirks Rolle als Sheriff hat denn auch große Ähnlichkeiten mit dem unverhofft in sein Leben als Auftragskiller zurückgekehrten Familienvater in den inzwischen zwei „Nobody“-Filmen.

Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit arbeiteten die beiden an dem Drehbuch weiter. Bekannt wurde Kolstad vor allem dadurch, dass er die Figur des Auftragskillers John Wick erschuf und das Drehbuch zu den ersten beiden Filmen der Reihe schrieb. In der Mischung aus Genreinstinkt und Humor ergänzen sich das Drehbuch und die Regievorlieben Wheatleys trefflich.

Zugleich umschifft „Normal“ in Drehbuch und Inszenierung diverse Klischees, die Actionkomödien nicht selten zu einem Refugium reaktionären Humors machen, und setzt stattdessen andere Akzente: Alex (Jess McLeod), das erwachsene Kind von Richardsons Vorgänger als Sheriff, wird sehr beiläufig als nonbinär eingeführt. Richardson telefoniert seiner Frau hinterher, die seit dem Zwischenfall, der ihn zu einer Kaskade von temporären Sheriffjobs verdammt hat, nicht mehr mit ihm redet. Er spricht ihr Nachricht über Nachricht auf die Mailbox, ohne in Selbstmitleid zu zerfließen.

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Trailer „Normal“

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Ein einziges Mal erlaubt sich Wheatley unübersehbare Tendenzen zum Dude-Kino: Eine Schießerei im letzten Drittel von „Normal“, mit Musik unterlegt und in der Montage stark zergliedert, erinnert arg an vergleichbare Szenen aus seinen früheren Filmen, etwa jene in einer Garage in „Free Fire“ (2016).

Doch jenseits solcher kurzen Momente ist „Normal“ mit seiner gradlinigen Dramaturgie und einer Inszenierung mit Sinn für Details, die sich gleichzeitig nie verzettelt, beeindruckend unterhaltsam. Ben Wheatleys neuer Film versucht an keiner Stelle Komplexität zu suggerieren, ist bis in die Nebenrollen gut besetzt (Lena Headey etwa spielt mit der Barkeeperin Moira eine schöne Nebenrolle) und ebenso humorvoll wie temporeich. „Normal“ ist großes, sorgloses Kinovergnügen.

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