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Kommunalwahlen in FrankreichKeine Skrupel, wenn's um Paris geht

Rudolf Balmer

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Rudolf Balmer

Der kommunale Stimmungstest in Frankreich zeigt nach rechts. Die Brandmauer hatte bereits viele Löcher, nun könnte sie bald vollends einstürzen.

Hass auf Bürgermeisterin Anne Hidalgo: Die Konservative Rachida Dati bei der Stimmenabgabe am Sonntag in Paris Foto: Gonzalo Fuentes/reuters

W ie bei sportlichen Wettkämpfen treten bei den Kommunalwahlen Teams gegen Teams an, sie ernten Applaus oder empörte Pfiffe. Für die Kandidierenden geht es um Ämter und persönliche Macht.

In den Hintergrund gerät dabei, dass es um ganz konkrete Dinge im Alltag geht: die Zahl der Plätze in den Kinderkrippen oder der Sozialwohnungen, den Ausbau von Radwegen oder die Bewaffnung der kommunalen Hilfspolizei, die Installation von Überwachungskameras und nicht zuletzt die kommunalen Steuern.

In Paris setzt die Konservative Rachida Dati alles auf eine Karte: Hass auf die bisherige Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Diese hat sich mit ihrer Verkehrspolitik viele Feinde gemacht, vor allem bei den Automobilisten, die sich über Radspuren, Geschwindigkeitsbegrenzungen und die schwindende Zahl von Parkplätzen ärgern.

Die anderen, die von der besseren Luft profitieren und die Radwege als normal betrachten, sind ihr nicht zum Dank verpflichtet. Dati hat nur gerade ein Viertel der Stimmen erhalten, aber glaubt, dass die Hidalgo-Gegner*innen eine Mehrheit sind, die ihr zur Macht am nächsten Sonntag verhelfen kann.

Falls sich die Politikerin mit der Rechtsradikalen Sarah Knafo von der Partei Reconquête! einigt, könnte das zum problematischen Vorbild neuer Allianzen von Rechten und Rechtsextremen werden. Bisher lehnten die Konservativen (Les Républicains) und die kleineren Zentrumsparteien (zumindest offiziell) Wahlbündnisse ab. Die Brandmauer gegen die extreme Rechte hatte bereits etliche Breschen, jetzt könnte sie definitiv einbrechen.

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Gerechtfertigt werden soll das mit politischer Symmetrie: Wenn die Grünen, Sozialisten und Kommunisten sich mit der „extremen Linken“, La France insoumise (LFI), verbünden, wären Absprachen mit dem extrem rechten Lager bloß legitim – und überhaupt brauche es keine Brandmauer gegen rechts, sondern gegen LFI. Die zerstrittene Linke hat vor den Präsidentschaftswahlen von 2027 eine letzte Chance, Niederlagen mit einer erneuerten Einheit zu verhindern.

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Rudolf Balmer
Auslandskorrespondent Frankreich
Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft. Gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien) und die „Neue Zürcher Zeitung“.
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6 Kommentare

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  • Warum gewinnen überall nur noch die rechten Parteien dazu?



    Erst wenn wir den Grund kennen, können wir auch gegensteuern. Denn ein Verbot hilft nicht, die Wähler würden sich dann einfach eine andere rechte Partei aussuchen. Mich beschleicht das Gefühl, dass viele Rechtswähler sich von den Etablierten nicht mehr vertreten fühlen und sie deshalb das Lager wechseln. Und ich hoffe immer noch, dass die meisten "nur" Protestwähler sind, die man wieder zurückgewinnen könnte. Ich wage mich hier aber nicht, die vermuteten Gründe auszusprechen, weil ich mir die Antworten ersparen will.

    • @Hans Dampf:

      Könnte es etwa sein das rechte schlechte Politik machen, nur linke Politik noch verheerender ist und Wähler das kleinere Übel wählen?

    • @Hans Dampf:

      Es ist eigentlich ganz einfach: die Milliardäre geben Unsummen für das Vorwärtsbringen dieser Bewegungen auf, weil sie damit meinen, das Volk sprichwörtlich für dumm verkaufen zu können. Auf der Linken Seite hat niemand so viel Kohle, um dem etwas entgegenzusetzen.

      • @Deutschfranzose:

        Das stimmt.

  • LFI begeht das Verbrechen, einen Genozid einen Genozid zu nennen, das darf man aber in Frankreich nicht. Dieses Verbrechen ist aus Sicht der Medien so schlimm, wie das Herabqualifizieren der Gaskammern der Vernichtungslager durch Jean-Marie LePen zum "Detail der Geschichte", nur halt andersherum.

    Mit dieser Strategie will man uns die traditionell antisemitische und rassistische rechtsextreme RN als das neue NORMAL verkaufen. Dabei ist es jetzt eher so eine Art populistische Bewegung wie MAGA, von Milliardären unterstützt mit ganz ähnlichen Zielen: Medienkontrolle durch Milliardäre, Staat abschaffen oder reduzieren, Migranten als Buhmann handeln.

    Die republikanische Rechte ist im Verschwinden und wird durch das RN aufgesogen. Die gesamte Linke (von der Mitte bis zum Extrem) ist eigentlich weder stärker noch schwächer, als vorher, nur gespalten. Das Problem ist auf der rechten Seite, wo es bald nur noch extrem gibt oder, wie sie gerne behaupten, rechtsextrem gar nicht extrem sei ...

    • @Deutschfranzose:

      zum Glück sind laut Artikel die Antisemiten in Frankreich in der Minderheit und dümpeln auch in Deutschland bei ca 10%.



      Nie wieder ist jetzt!