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Kommunalwahlen in BayernAus dem sozialen Wohnungsbau ins Rathaus

Nasser Ahmed will für die SPD Oberbürgermeister in Nürnberg werden. Er wäre der erste Schwarze OB und kandidiert auch gegen rechte Verfassungsfeinde.

Wirbt mit dem Slogan: Mein N-Wort ist Nürnberg Foto: Sebastian Lock

„Man hört es mir an und sieht es an meinem Namen“, sagt der Mann, im akkuraten blauen Anzug: „Ich bin waschechter Nürnberger.“ Nasser Ahmed lächelt verstohlen: So fange er ganz viele seiner Reden an. Der Sohn eritreischer Flüchtlinge will Oberbürgermeister der zweitgrößten Stadt Bayerns werden. Er wäre der erste Schwarze Oberbürgermeister (OB) einer deutschen Großstadt.

Ahmed, geboren 1988, war drei Jahre lang stellvertretender Generalsekretär der Bayern SPD, seit 2021 ist er Vorsitzender der Nürnberger SPD. Bei der Kommunalwahl am 8. März hat er einen schwer zu schlagenden Gegner: Marcus König von der CSU regiert die Stadt fast schon in Abgrenzung zum Landesvater Söder unauffällig und unpolemisch. Ihm war es vor sechs Jahren gelungen, aus einer 18 Jahre lang sozialdemokratisch regierten Stadt eine christsoziale zu machen.

Ahmed empfängt in den SPD-Räumen im Rathaus, eine Stunde vor der Sitzung der Stadtratsfraktion. Danach heißt es „Von Tür zu Tür in Zabo“ und „Nasser unplugged in Mögeldorf“. Die Tage im Wahlkampf sind eng getaktet. Ahmed ist im Modus. Wenn er erzählt, dass sein Vater als 14-Jähriger vor dem Kriegsdienst nach Ägypten floh, sagt er auch: „Er wollte Zukunft, er wollte Bildung.“ Genau das habe ihm, dem Sohn, später Nürnberg gegeben, Chancen. Das Wort steht im Zentrum seiner Kampagne.

Ahmed ist in der Nürnberger Südstadt aufgewachsen: Migrantisch geprägt, dicht bebaut, wenig Grün. Sein Vater, erzählt er, habe als Hilfsarbeiter in einem großen Industrieunternehmen begonnen, bevor er in die Lehre ging und die Meisterprüfung als Lagerlogistiker ablegte. Seine Mutter arbeitete als Haushaltshilfe in der Nachbarschaft. „Ich habe Nürnberg immer als meine Heimat empfunden. Mir war aber auch klar, dass wir nicht wie jede andere Familie sind.“

Als Kind früh in der Verantwortung

Integration sei damals, Anfang der 90er, kein großes Thema gewesen, Sprachkurse kaum angeboten worden. Bei Amtsgängen musste der Junge seine Mutter begleiten, um zu übersetzen. Es sei eine typische Erfahrung in migrantischen Familien: als Kind schon früh in der Verantwortung zu stehen, um die Organisation des Alltags zu bewältigen.

Wenn man Ahmed nach seinen frühesten Erinnerungen an die Stadt, die er regieren möchte, fragt, zeichnet er zunächst das Bild der offenen Arme: Mit riesigen Schienbeinschonern sei er im Trikot des katholischen DJK Falke über den Fußballplatz gestolpert, am Hauptmarkt verfolgte er den traditionellen Prolog des Christkinds zur Eröffnung des Christkindlmarkts. Seine Integration habe funktioniert, weil es Unterstützer gab, Helferinnen, ehrenamtliches Engagement, eine nette „Patentante“ ohne Migrationsgeschichte von nebenan.

Genauso gab es den Baseballschläger-Skinhead-Nazi in Camouflage in der Südstadt-Nachbarschaft. „Meine Eltern haben mir früh beigebracht, dass man um den einen Bogen macht, vor allem wenn er betrunken ist. Es war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen.“

Ahmeds Erzählung ist die des Aufsteigers, der als OB mehr Menschen den Aufstieg ermöglichen will. Er ist promovierter Politikwissenschaftler. Aus dem sozialen Wohnungsbau an die Stadtspitze, das ist märchenhaft und soll auch Hoffnung spenden. 2025 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „Und trotzdem stehe ich hier“, seine Autobiografie. Taktisch klug, könnte man sagen, ein vorgezogener Auftakt für den Wahlkampf 2026.

„Mein N-Wort ist Nürnberg“

Für den Schritt gab es auch Kritik: Das Portal Übermedien berichtete ausführlich, dass das Buch nicht nur im Verlag Nürnberger Presse verlegt wird, sondern auch noch vom Chefpublizisten der Nürnberger Nachrichten Alexander Jungkunz lektoriert wurde. Eine ungesunde Nähe zwischen dem Stadtratsmitglied und der Zeitung, die dessen Arbeit zuvorderst kritisch beobachten sollte.

Der stets sehr kontrolliert, im öffentlichen Auftritt teils formelhaft wirkende Kandidat lässt sich von dem Thema nicht aus dem Konzept bringen. Er habe ein Buch über Migration als Chance geschrieben. Er wollte, auch mit seinen Lesungen, dem Rechtsruck entgegentreten. „Ich glaube, dieses Buch hat Nürnberg bereichert. Und wenn andere, die zufällig einer anderen Partei angehören, ein solches Buch geschrieben hätten, glaube ich, hätte der Verlag das auch verlegt.“

Noch weitaus größere, überregionale Aufmerksamkeit erregte Ahmed durch die monumentale Plakataktion seines Wahlkampfs. Die Nürnberger SPD-Zentrale ist ein 26 Meter hoher, auffälliger Bau aus den 20er-Jahren, damals das erste Hochhaus der Stadt, später Sitz der Fränkischen Tagespost und 1933 gestürmt von Julius Streichers Truppen, SA und SS. An diesem Karl-Bröger-Haus entrollte am 16. Januar ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Mein N-Wort ist Nürnberg“. Semantisch irgendwie schwierig. Aber: Die gezielte Provokation brachte Ahmed lange Beiträge in allen großen Medien des Landes ein. Und Stadtgespräch wurde er ohnehin.

Ist es glaubwürdig, wenn er heute sagt, mit der Heftigkeit der Reaktionen habe er nicht gerechnet? Vor allem in den sozialen Medien, bei Instagram, erwischte Ahmed nach Veröffentlichung des Drohnenflug-Reels von der Enthüllung eine Welle der Kritik. Mehr aus der Schwarzen als aus der rechten Community. Die Kampagne sei falsch und verletzend, schrieb beispielsweise die Initiative Schwarzer Menschen Nürnberg (ISD). Ihn habe das traurig gemacht, sagt Ahmed.

Kern der Kritik: Ahmed verharmlose das N-Wort. „Ich nehme das alles ernst“, sagt er mit dem Abstand von fast einem Monat, „aber ich kann das inhaltlich nicht nachvollziehen. Ich habe das N-Wort nicht salonfähig gemacht. Ich habe es nicht in die Welt gebracht. Es wird mir ausgeschrieben täglich an den Kopf geworfen.“

Angriffe nahmen mit wachsender Bekanntheit zu

Er habe keinen Wahlkampf führen wollen, ohne den Rassismus zu thematisieren, der ihm begegnet. Im direkten Nachgang sprach Ahmed von Reclaiming. Jetzt davon, den Spieß umzudrehen: „Ich sage: Ihr könnt mich nicht auf dieses Wort festlegen, ich bin nicht euer N-Wort, ich bin Nürnberger.“ Nach fast einem Monat ist das Plakat verschwunden, ersetzt durch ein ebenso großes mit dem neuen und ganz und gar harmlosen Claim: „Nürnberg besser machen“.

Wiedersehen am Wahlkampfstand: Ahmed verteilt Flyer und Gummibärchen am schicken lila-roten Elektro-Bulli, ein Genosse schenkt Kinderpunsch aus. Es nieselt, er trägt den beerenfarbenen Mantel, der bald zum Markenzeichen werden könnte. Die Frage ist klar: Musste das Plakat runter, weil die Kritik zu massiv war?

Der Kandidat verneint. Die verschiedenen Wellen der Plakatierung seien von Anfang an geplant gewesen. Vom Aufmerksamkeit erzeugenden Setzen des Themas Rassismus komme man nun zur Aufgabe, die sich daraus ergebe: Nürnberg für alle. Für die Pas­san­t:in­nen drängen eh andere Probleme: Warum ist die Stadt so schmutzig, was will er gegen den Leerstand in der Fußgängerzone unternehmen? Ahmed scheint hier vor allem die Menschen anzuziehen, die ohnehin vorhaben, ihn zu wählen. Man holt sich Signaturen fürs Buch und Selfies ab.

Es dauert trotzdem nicht lange, bis das N-Wort fällt, ausgesprochen. Ein junger Mann mit kurz rasiertem Kopf, der wild auf Ahmed einredet: „Dein N-Wort ist Nürnberg oder was? Die SPD ist richtig faschistisch geworden!“ Der Mann ist offenbar verwirrt, zum Glück nicht gefährlich, Ahmed bittet darum, nicht angeschrien zu werden, dann ignoriert er ihn erfolgreich.

Nicht mehr als ein Prozent der Menschen, sagt er, begegne ihm in der Öffentlichkeit feindselig. „Wenn ich am Tag 100 Menschen treffe, passiert so etwas vielleicht 1 Mal.“ Dass seine Mutter, die Kopftuch trägt, in der U-Bahn beleidigt werde, passiere regelmäßig. Als er selbst 2010 Vorsitzender der Nürnberger Jusos wurde und sich zu kommunalpolitischen Themen positionierte, sei ein Leserbrief erschienen: Er solle sich in seiner eigenen Heimat darum kümmern.

Mit jedem Schritt, der ihn sichtbarer machte, nahmen die Angriffe zu – nicht im persönlichen Gespräch, sondern in den sozialen Medien. Es gebe Studien, sagt er, dass 5 Prozent der User für 50 Prozent des Hasses verantwortlich seien. Er wünsche sich auch dort mehr Gegenwehr, mehr Zivilcourage der stillen Mehrheit. Wie kommt man als Zielscheibe mit Beschimpfungen zurecht, wie steckt man das weg? „Ich bin sehr gut im Verdrängen.“

„Echte Männer haben keine Angst vor Nagellack“

Nach seinem ersten viralen Video reichte das nicht mehr. 2024 zeigte sich Nasser Ahmed mit bunten Fingernägeln und sagte in Anspielung auf Maximilian Krah: „Echte Männer haben keine Angst vor Nagellack.“ Das Video ist 17 Sekunden lang und hat allein bei Instagram fast 8.000 Kommentare. Man muss nicht lange scrollen, bis man die ersten Beleidigungen findet. Befreundete Anwälte hätten ihm damals geraten, juristisch gegen die schlimmsten vorzugehen. Ahmed stellte fast 50 Strafanzeigen, rund 20 Personen seien zu Geldstrafen verurteilt worden.

Damit endet die Geschichte aber nicht: Ein Angezeigter schickte einen handschriftlichen Brief, in dem er um Verzeihung bat. Ahmed schlug ein Treffen vor, symbolträchtig in der Nürnberger Straße der Menschenrechte. „Der hat verstanden, dass ihm da ein Mensch gegenübersteht, dem er Schmerzen zufügt und das glaubwürdig reflektiert: Wie konnte es dazu kommen, dass ich so etwas ins Internet schreibe?“ Ahmed bat die Behörden, von einer weiteren Verfolgung abzusehen. Bis heute treffe er den Mann auf Veranstaltungen.

Nürnberg ist eine Stadt mit einem Anteil von über 50 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Gleichzeitig hat der NSU hier drei Menschen ermordet. Die rechtsextreme Gruppierung „Team Menschenrechte“ – Ahmed nennt sie konsequent „Team rechter Menschen“ – wolle den Schwarzen Oberbürgermeister verhindern. Die habe er mit dem berühmt gewordenen Plakat provozieren wollen.

An jedem Montag marschiert diese diffuse Gruppe aus Coronaleugnern, AfDlern und Neonazis durch die Stadt. Es ist für Nasser Ahmed neben kostenlosem Schülerticket, Aufwertung der Fußgängerzone, Absage der Gartenschau und der Bezahlbarkeit des Lebens in Nürnberg eines der wichtigen Themen seines Programms: Man müsse mit allen Mitteln versuchen, die Verfassungsfeinde zumindest aus der Innenstadt zu kriegen.

Er kenne Gastronomen, die am Montag ihren Laden lieber zulassen würden. „Die Verwaltung unter jetziger Leitung sagt, man muss neutral sein, solange sie nicht verboten sind. Ich sage: Gegenüber Rechtsextremen darf eine Stadtverwaltung nicht neutral sein. Sie muss parteiisch sein, für unser Grundgesetz.“

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