Kommentar: Keine kraftvollen Symbole
Soziale Bewegungen brauchen ihre Rituale. Die des 1. Mai sind verbraucht.
Der „Tag der Arbeit“ ist der Höhepunkt des Gewerkschaftsjahres. Die meisten kommen zu diesem Fest, weil sie dort alte Bekannte treffen oder weil sie davon ausgehen, dass man erwartet, sie dort zu sehen. Bürgermeister Jens Böhrnsen stand in der zweiten Reihe vor dem Lautsprecherwagen und war einer der wenigen, die – der Körperhaltung nach zu urteilen – über weite Strecken zuhörte. Nur hin und wieder kontrollierte er diskret die neuen Nachrichten auf seinem Smartphone.
Verloren stand da schräg hinter ihm ein Grüppchen der Firma mdexx, dieser kämpferischen Belegschaft einer Siemens-Tochterfirma, die in den letzten Jahren systematische Ausgliederung und Arbeitsplatzabbau erlebt hat. Aber der 1. Mai kräftigt nicht mehr für den Arbeitskampf, das gewerkschaftliche Ritual hat seine suggestive Kraft verloren.
Ein Ritual, das so kraftvoll wirken könnte wie das Abendmahl in der christlichen Tradition, kann man nicht erfinden. Das „Mahl der Arbeit“ am Vorabend der Feier des Tages der Arbeit ist für auserwählte Funktionäre da und eher ein Pflichttermin. Da die Gewerkschaftsbewegung keine anderen Symbole hat, steht die Rede im Mittelpunkt – gerade die Rede hat sich entleert. Man könnte sie genauso auf lateinisch halten. Oder weglassen.
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