Kommentar zum Rentenstreit : Leben und Sterben (lassen)
Mehr als nur „Jung gegen Alt“: Um einen künftigen Generationenkrieg zu verhindern, braucht es eine ganz neue Renten- und Altenpolitik, meint Kolumnist Udo Knapp.
taz FUTURZWEI | Die Jungen Abgeordneten der CDU-Fraktion im Bundestag wollen dem Rentenpaket der Bundesregierung nicht zustimmen. Es soll eine Stabilisierung der Renten bei 48 Prozent der durchschnittlichen Einkommen im Jahr der Verrentung und eine Neujustierung des Rentensystems insgesamt auf den Weg bringen.
„Gelingt es uns nicht, das Altern des Menschen neu zu definieren, und zwar als eines der einzigartigsten zivilisatorischen Ereignisse, die Menschen überhaupt beschieden sind, werden wir in eine Zivilisation der Euthanasie eintreten.“
– Frank Schirrmacher, Das Methusalemkomplott (2004)
Die CDU-Jungen verlangen eine kontinuierliche Absenkung der Renten und aller anderen sozialen und gesundheitlichen Dienstleitungen entsprechend der Zunahme der Renten-Bezieher, damit die Renten- und Sozialbeiträge zu Lasten der Jungen und der Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt nicht weiter steigen.
Wird die Ansage des CDU-Abgeordneten und Virologen Hendrik Streeck mitgedacht - Alte (bei ihm ist es eine fiktive 100-jährige) sollen keine teuren, lebenserhaltenden Medikamente und Therapien mehr erhalten - liegt der Schluss nahe: Die jungen CDUler - alle um die 30 Jahre alt – wollen einen Krieg der Generationen gegen ihre Großeltern und Eltern, die Babyboomer und die auf sie folgende Generation X eröffnen.
■ Udo Knapp ist Politologe und kommentiert an dieser Stelle regelmäßig das politische Geschehen für unser Magazin taz FUTURZWEI.
Die Babyboomer umfassen die Jahrgänge 1950 bis 1964 (oder 1955 bis 1969, je nach Definition. 2031 beginnt für ihren geburtenstärksten Jahrgang 1964 die Rentenzeit und werden insgesamt etwa 16,5 Millionen Boomer das Renteneintrittsalter erreicht haben.
Die Boomer als „Generation Woodstock“
Im Jahr 2040 werden sie dann, nach einer Prognose des Institutes der Deutschen Wirtschaft, auf etwa 15 Millionen Personen geschrumpft sein. Die ersten Jahrgänge der Babyboomer werden dann bereits über 85 Jahre alt sein. Ab 2032 geht die Generation X mit den Jahrgängen 1965 bis 1980 (etwa 16 Millionen) in Rente.
Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer liegt heute bei 78,9 Jahren, die der Frauen bei 83,5 Jahren. Sie steigt bei immer besserer Gesundheitsversorgung von Jahr zu Jahr weiter an.
Hundertjährige werden schon bald keine Ausnahme mehr sein. Es wird bis in die 2060er Jahre dauern, bis sich die etwa 30 Millionen Alte beider Generationen aus ihrem Leben verabschiedet haben. Boomer und X gehören zu den langlebigsten Generationen, die es je gegeben hat.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°34: Zahlen des Grauens
Die weltweiten Ausgaben für Rüstung betragen 2700 Milliarden Dollar im Jahr, ein 270stel davon wird weltweit gegen Hunger investiert. Wir präsentieren Zahlen des Grauens und plädieren gerade deshalb für Orientierung an Fakten statt an Talkshow-Aufregern.
Mit: Matthias Brandt, Dana Giesecke, Maja Göpel, Wolf Lotter, Armin Nassehi, Sönke Neitzel, Katja Salamo und Harald Welzer.
Sie werden 30 bis 40 Jahre in Rente verbringen, bei zwar zunehmenden körperlichen Problemen, aber in der Regel klar im Kopf und voll gesellschaftsfähig. Sie bilden bei Wahlen eine entscheidende Großgruppe, die in ihren jungen Jahren gelernt hat, ihre Interessen durchzusetzen.
Das ist kein Zufall. Die Boomer waren die erste Generation, die die Welt bis zu ihrer Verrentung nicht durch Kriege, sondern mit Ihrer Kreativität, ihrer Lebenslust, ihrem Lebensstil und ihren Erfolgen geprägt hat.
Die Boomer könnten auch als Woodstock-Generation bezeichnet werden, kulturell und gesellschaftlich geprägt durch das legendäre Musikfestival im August 1969 und die Freiheitsbewegung der 68er. Viele davon haben ihre Jugend, später auch ihr Erwachsenenleben, als kollektives, wildes, selbstbewusst gestaltetes Generationserlebnis gelebt.
Wer glaubt, die Boomer würden sich dem Bild von den tattrigen Alten anschmiegen, die zunehmend verblödend, langsam aus ihrem Leben wegdämmern, täuscht sich gewaltig.
Wie die Gesundheit zu Verwerfungen in der Politik führt
Boomer und X werden auch im Alter ihre Generationsmacht in ihrem kollektiven Interesse gebrauchen. Sie werden Politik und Gesellschaft zwingen, sich mit der Gesundheitsfürsorge für die Alten, mit Gerontologie zu beschäftigen.
Für die nächsten 40 bis 50 Jahre werden das Leben und das Sterben dieser 30 Millionen Deutscher Boomer und Generation Xler, deren Versorgung und Absicherung ein zentrales Politikfeld in der Republik sein. Keine Partei, die politische Mehrheiten gewinnen will und niemand in der Öffentlichkeit kann das ignorieren.
Es ist nichts daran zu ändern, dass diese immer älter werdenden Alten ökonomisch zu einer Altlast werden, dass ihr langes Leben auch eine Kapitalvernichtung auf Kosten der jetzt Jungen bedeutet. Genauso wenig wie an der Notwendigkeit, den Jungen höhere Sozialabgaben abzuverlangen und steigende Zuschüsse aus den öffentlichen Haushalten bereitzustellen.
Es sei denn, die Politik würde die Lebensbedingungen der Alten so verschlechtern, dass sie schneller sterben oder sich freiwillig den Zumutungen einer Euthanasie öffnen, weil sie sich wegen der Vorhaltungen der Jungen schuldig fühlen, so alt geworden zu sein.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat bei seinem Auftritt bei den Jungen Unionisten zu Recht auf diese Zusammenhänge hingewiesen, er hat betont, dass die CDU in einem Wettstreit um die radikalste Rentenkürzung nur verlieren kann.
Die von Jungen Unionisten vorgetragene Aufkündigung von Respekt und Liebe für ihre Eltern und alle Alten entsetzt. Sie zerreißt willkürlich den humanen, moralischen und sozialen Kitt unserer Gesellschaft.
Für eine solidarische Rente
Auch die Alten müssen allerdings bei der solidarischen Ausgestaltung ihrer späten Jahre einen größeren Beitrag zu ihrer Absicherung leisten. Alten-, Renten- und Pflegepolitik müssen dafür integrierte, gesetzliche Regelungen schaffen. So könnten, nur mal als Beispiel, die Regelungen zum Ausscheiden aus dem Arbeitsleben - heute bei 67 Jahren - so neugestaltet werden, dass alle Alten, die das gesetzlich festgelegte Rentenalter erreicht haben, ohne Einschränkungen selbst bestimmen können, ob, wie lange, wo und wie sie weiterarbeiten wollen.
Die geplante Aktivrente kann als Einstieg in ein selbstbestimmtes Arbeiten im Rentenalter gesehen werden. Eine Einheitsrente für alle, sagen wir von 1.800 Euro, könnte materielle Sicherheit schaffen. Eine Rundum-Pflegevollversicherung, am besten öffentlich organisiert, könnte Zuversicht und Aufgehoben-Sein garantieren. Für die Jungen könnte man als zweite Säule ihrer Renten-Anwartschaften eine pflichtige, private Rentenversicherung beim Staat oder auf dem Versicherungs-Markt einführen.
Eine solche Altenpolitik würde, schrieb Frank Schirrmacher, jenseits von Druck und Schuldgefühlen, „Entscheidungsräume der freien, selbstbestimmten Wahl dort öffnen, wo sie dem Menschen in atemberaubender Weise geraubt wird, in seinem Alter.“
🐾 Lesen Sie weiter: Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI N°34 mit dem Titelthema „Zahlen des Grauens“ gibt es jetzt im taz Shop.