Kommentar zu Angriffen auf Müller

Auch die SPD sucht Therapeuten

Die Berliner SPD zu verstehen fällt nicht gerade einfach, findet Uwe Rada. Der derzeitige Kampf um den Partei-Vorsitz geht über die Selbstzerfleischung der Grünen hinaus.

Unvergessen ist die Diagnose von Peter Strieder: „Die SPD ist die größte Selbsterfahrungsgruppe der Stadt“, befand einst der sozialdemokratische Haudegen – und wurde von seiner SPD-WG alsbald vom Hof gejagt. Sein Nachfolger als Landeschef wurde Michael Müller.

Schlimmer als Grüne

Nun könnte der Zorn der Wir-müssen-uns-mal-aussprechen-Partei auch diesen treffen. Glaubt man den Genossen, kämpfen die rechten und linken Gegner Müllers nicht nur um Mehrheiten, sondern auch mit Farbeiern und Diebstahl. Da sage noch einer, mit der Selbstzerfleischung der Grünen sei das politische Niveau der Berliner Politik auf den Tiefstand geraten. Die SPD treibt es, so die Vorwürfe stimmen, noch doller.

Warum nur, reibt sich da das Publikum staunend die Augen – und sucht nach politischen Erklärungen. Vielleicht ist den Linken die Kombination Landeschef und Senatsmitglied zu regierungslastig? Vielleicht hat Müller mit der Ankündigung, Teilstrecken der S-Bahn auszuschreiben, den sozialdemokratischen Bogen überspannt? Gut möglich. Nur: Warum beteiligt sich auch die SPD-Rechte an der Demontage des Landeschefs?

Gerne würde man auf die Diagnose Strieders zurückgreifen. Doch den Kontrahenten geht es weniger um Inhalte als um Karriere. Hätte Jan Stöß den versprochenen Staatssekretärsposten bekommen, hätte er kaum den Heilsbringer geben können.

Dazu passt: Zahlreiche Landespolitiker zieht es nun in den Bundestag. Soll doch Wowereit die rot-schwarze Suppe auslöffeln, so die Botschaft. „Berlin verstehen“ – damit ist die SPD in den Wahlkampf gezogen. Es müsste heißen: Versteh einer die SPD.

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Jahrgang 1963, ist Redakteur für Stadtentwicklung der taz. Ein weiterer Schwerpunkt ist Osteuropa. Zuletzt erschien bei Siedler sein Buch "Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss". Er koordiniert auch das Onlinedossier "Geschichte im Fluss" der Bundeszentrale für politische Bildung. Uwe Rada lebt in Berlin-Pankow.

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