Kommentar Sanktionen gegen Eritrea : Der somalische Sumpf
In Somalia lassen sich Gut und Böse nicht klar trennen. Die Afrikanische Union muss ihre Überparteilichkeit bewahren.
I n Somalias Krieg sind die Rollen von Gut und Böse klar verteilt: Es gibt eine international unterstützte Regierung und islamistische Rebellen. Die Guten werden von der internationalen Gemeinschaft unterstützt, weil die bösen Islamisten ebenfalls Unterstützung von außen bekommen. Folge: Man muss die Unterstützer der Islamisten isolieren. Das ist die Logik des Beschlusses der Afrikanischen Union, UN-Sanktionen gegen Eritrea wegen seiner Schützenhilfe für Somalias Islamisten zu fordern.
In Wirklichkeit ist alles komplizierter. Somalias Regierung existiert nur auf dem Papier. Eine Armee hat sie nicht, sondern sie muss Milizen davon überzeugen, für sie zu kämpfen. Geschützt wird sie allein von einer symbolischen Friedenstruppe der Afrikanischen Union. Die Islamisten sind keine homogene Kraft, sondern eine eher interessengeleitete Koalition. Die wahren Machthaber, die Clanführer, Geschäftsleute und Warlords, lavieren zwischen den Fronten und suchen auf beiden Seiten Verbündete und Gehör. Wer auch immer in Mogadischu regiert, kann dies nur mit ihrer Hilfe tun. Deshalb ist das Gut-Böse-Schema reine Show fürs Ausland.
Wenn nun die AU auch auf internationaler Ebene Partei ergreift, um Eritrea wegen seiner Parteinahme zu isolieren, verabschiedet sie sich von jeder ernsthaften Friedenssuche. Das ist brisant nicht nur für Somalia, sondern für das Horn von Afrika insgesamt, dessen Länder gegeneinander auf Grundlage ihrer Rivalitäten in Somalia in Stellung gehen. In dieser Situation sind Beschlüsse zu einseitigen Strafmaßnahmen sinnlos - wenn jemand sie durchsetzen könnte, wäre es auch möglich, gegen den Krieg insgesamt einzugreifen. Und sie sind gefährlich: Sie heizen einen regionalen Machtkampf weiter an. Die UNO wäre gut beraten, der AU nicht zu folgen. Ansonsten gerät sie in einen somalischen Sumpf, in dem bisher noch jede auswärtige Macht stecken geblieben ist.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert