piwik no script img

Kommentar Ölindustrie Konsequent dreist

Bernd Pickert

Kommentar von

Bernd Pickert

Dass die Ölindustrie jetzt gegen das Ölmoratorium klagt, ist eine bodenlose Frechheit. Es reflektiert aber auch die übermächtige Stellung der Branche.

Für solche Fälle muss das jiddische Wort "Chuzpe" erfunden worden sein: Es bezeichnet eine Mischung aus Mut und dummdreister Frechheit - also genau das, was die US-Ölkonzerne gerade an den Tag legen. Da strömt weiter ohne Unterlass Öl in den Golf von Mexiko. Noch immer gibt es keine Methode, so einen Ausbruch schnell zu stoppen - und statt von sich aus zu verkünden, man stoppe alle entsprechenden Vorhaben, bis die Sicherheit wirklich gewährleistet ist, will die Industrie vor Gericht erwirken, das von der US-Regierung verhängte sechsmonatige Moratorium für Tiefseebohrungen aufzuheben. Gehts noch?

Aber: Was auf den ersten Blick als bodenlose Frechheit erscheint, reflektiert die übermächtige Stellung der Branche in einer nach Öl hungernden Welt. Immerhin hat die US-Regierung ein Moratorium verhängt - symbolisch nur, denn in sechs Monaten wird das Risiko der Tiefseebohrungen immer noch dasselbe sein wie heute. Andere Länder denken gar nicht dran, da gleichzuziehen. Der schnelle Profit und die wirtschaftliche Bedeutung der Branche obsiegen allemal über die Angst vor der Katastrophe.

Bernd Pickert

ist Amerika-Redakteur im Auslandsressort der taz.

Wie die Geier stürzen sich die Branchenkonkurrenten auf BP und schieben dem britischen Konzern die Schuld zu. Sie liegen gar nicht falsch, wenn sie dessen Abschmieren als Chance für die Mehrung des eigenen Reichtums begreifen. So funktioniert Kapitalismus - und die Politik sieht sich zu wirksamer Regulierung weder willens noch in der Lage. Es ist US-Präsident Obama hoch anzurechnen, dass er zumindest versucht, das Projekt Energiewende auf die Tagesordnung zu bringen. Nur gelingen wird es nicht, solange Macht wie Selbstbewusstsein der Öllobby derart ungebrochen sind. Die nächste Katastrophe kommt bestimmt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Bernd Pickert

Bernd Pickert Auslandsredakteur

Jahrgang 1965, seit 1994 in der taz-Auslandsredaktion. Spezialgebiete USA, Lateinamerika, Menschenrechte. 2000 bis 2012 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft, seit Juli 2023 im Moderationsteam des taz-Podcasts Bundestalk. Bluesky: @berndpickert.bsky.social In seiner Freizeit aktiv bei www.geschichte-hat-zukunft.org
Mehr zum Thema

0 Kommentare