Kommentar Lidls neue Kundenkarte

Big Brother im Einkaufswagen

Gegen digitale Helfer im Alltag ist nichts einzuwenden. Gegen die neue Kundenkarte des Discounters Lidl aber schon.

Wünscht sich gläserne KundInnen: der Discounter Lidl Foto: imago-images/Future Images

Gib mir deine Daten, und ich schenke dir einen Rabatt. Der Discounter Lidl will künftig alles über seine Kundschaft wissen und lockt Verbraucher*innen mit Niedrigpreisen – zugeschnitten auf das persönliche Einkaufsverhalten. Wer kann da schon Nein sagen? Sparen will ja schließlich jeder und jede.

Doch der Preis, den die Kundschaft in Kauf nimmt, ist hoch. Lieber Rotwein oder Bier? Für die Kinder Käse aufs Pausenbrot oder doch Schokocreme? Klopapier recycelt oder mit Duftstoff? Der Billigsupermarkt nutzt dieses Wissen gnadenlos aus. Aber weniger im Sinne der Kundschaft, sondern viel mehr zugunsten des Unternehmens. Wer Rotwein, Schokocreme oder Duftklopapier kauft, soll davon noch mehr kaufen und den Firmengewinn steigern.

Nur wer seine persönlichen Daten absaugen lässt, ist beim Preiskarussell dabei. Wer sich weigert, muss mehr Geld bezahlen. Wenn es die Lieblingsprodukte zum Spottpreis gibt, wird sich wohl so manch einer unbedarft in den Einkaufswagen schauen lassen. Dabei sind die datenschutzrechtlichen Bedenken enorm. Ohne Personalisierung sind die Informationen für die Rabatte nicht zu bekommen. Das ist ein klarer Eingriff in die Privatsphäre der Kund*innen.

Hinzu kommt die Ortungsfunktion. Wie praktisch, mag so manch einer denken. Wenn ich im Urlaub an der Ostsee die nächste Lidl-Filiale sofort angezeigt bekomme und wie selbstverständlich auch dort mit Preisnachlässen rechnen kann, ist das doch mehr als sinnvoll. Aber was geht es einen Discounter eigentlich an, wo ich meine Sommerferien verbringe? Gar nichts. Genau.

Gegen digitale Helfer im Alltag ist nichts einzuwenden. Sie verschaffen uns Zeit, leiten uns durch den Wust von Informationen, dem wir täglich ausgesetzt sind. Aber die Entscheidung, zum gläsernen Kunden zu werden, geht weit darüber hinaus. Was passiert mit den Daten? Wer hat Zugriff? Klare Antworten darauf gibt es nicht. Sicher ist, dass sich an dem Datenschatz nicht nur der Supermarkt bedienen wird, sondern auch die vielen Zulieferer, die mit dem Discounter zusammenarbeiten.

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Schreibt seit 2016 für die taz. Themen: Digitalisierung, Datenschutz, Entwicklungszusammenarbeit

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