Kommentar Kurienkardinal Pell verurteilt

Erster Schritt der Aufarbeitung

Das Urteil gegen den australischen Kardinal Pell hat einen klaren Punkt gesetzt. Selbst die Berufung bietet eine Chance.

George Pell in vollem Ornat im Jahr 2008

Damals noch in voller Amtswürde: George Pell (Archivbild aus dem Jahr 2008), nun nur noch ein verurteilter Sexualstraftäter Foto: reuters

Der Prozess gegen den australischen Kurienkardinal George Pell und das Urteil sind voller Merkwürdigkeiten und Superlative. Die frühere Nummer drei des Vatikans ist der bisher ranghöchste wegen Missbrauchs von Kindern angeklagte und verurteilte Geistliche. Im Verlauf des Verfahrens herrschte eine ungewöhnliche strikte Nachrichtensperre. Dadurch sollte eine Beeinflussung der Geschworenen verhindert werden. Bei der Urteilsverkündigung am Mittwoch gab es dann das genaue und ebenso ungewöhnliche Gegenteil: Das Strafmaß wurde plötzlich live im Fernsehen verkündet. Das Argument des Richters: größtmögliche Transparenz.

Auch die Verurteilung ist ungewöhnlich, denn das Urteil basiert auf der Zeugenaussage eines einzigen Mannes. Da Pell stets seine Unschuld beteu­erte, stand Aussage gegen Aussage. Doch im Unterschied zu dem Kardinal werteten die 12 Geschworenen die Aussage des heute 36-jährigen Opfers einstimmig als glaubwürdig. Pell hingegen schwieg meist. Sein Hauptargument war nur, dass doch niemand glauben könne, er würde sein hohes Amt durch den Missbrauch von Kindern gefährden.

Doch genau dies hat er getan, im Wissen um seine machtvolle Position. Der Richter hat ihm eine entsprechend starke Arroganz attestiert. Pell hat sich verzockt und noch dazu einen Anwalt engagiert, der die Verbrechen des Kardinals als „Blümchensex“ abtat. Diese Wortwahl zeigt das Problem: die Verharmlosung sexueller Gewalt. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass das Urteil hier einen klaren Punkt setzt und den Kardinal endlich von seinem hohen Ross herunterholt.

Die Berufung, die ungewöhnlich rasch schon im Juni stattfinden soll, gibt Pell noch eine zweite Chance. Sie ist aber zugleich die Chance, mit den von Konservativen gestreuten Zweifeln an dem Urteil aufzuräumen. Inzwischen ist bereits eine weitere Klage gegen Pell anhängig. Letztlich kann die Verurteilung Pells nur ein erster wichtiger Meilenstein sein auf dem Weg der australischen Kirche wie der katholischen insgesamt, jahrzehntelang vertuschte kriminelle Praktiken aufzuarbeiten.

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Asienredakteur der taz seit 1997, vorher freier Journalist. Studierte Politologie sowie Communication for Development in Berlin und Malmö. Versucht asiatisch-europäische Begegnungen zu ermöglichen durch taz-Reisen in die Zivilgesellschaft, Workshops mit asiatischen JournalistInnen und Diskussionsverantaltungen in der taz-Kantine (Han Sens ASIENTALK). Schreibt manchmal auch über Segeln. www.fb.com/HanSensAsientalk @HanSensAsientalk

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