Freispruch für Kardinal Pell: Verheerendes Signal

Die Vorwürfe, sexuelle Gewalt an Kindern verübt zu haben, interessierten ihn nie. Jetzt ist Kardinal Pell frei. Worte des Papstes sind damit wertlos.

Wieder auf freiem Fuß: Kardinal George Pell Foto: David Crosling/AAP/dpa

Kardinal Pell ist wieder ein freier Mann. Das oberste Gericht in Australien kippte am Montag das Urteil gegen den 78-jährigen, der im vergangenen Jahr für sexuelle Gewalt an zwei 13-jährigen Chorknaben in den 1990er Jahren verurteilt worden war. Für Pell ist das Urteil eine Genugtuung, er sieht sich als Sündenbock für die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche. Für die vielen Betroffenen dieser Skandale, die seit Jahren nicht abreißen wollen, ist das Urteil verheerend: Es signalisiert, dass kirchliche Würdenträger offenbar noch immer mit allem durchkommen.

George Pell steht wie kein Zweiter für den Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsvorwürfen: Den ehemaligen Erzbischof von Melbourne und späteren Finanzchef des Vatikans begleitet der Vorwurf des Kindesmissbrauchs schon Jahre. Er stand im Verdacht, selbst Kinder in einem Schwimmbad befummelt und in der Sakristei missbraucht zu haben, Opfer kirchlicher Gewalt bedroht und die Missbrauchstaten seines Vertrauten, dem verurteilten Priester Ridsdale, aktiv vertuscht zu haben.

Mehrfach stand Pell vor Gericht, 2012 lud ihn die königliche Kommission gegen Kindesmissbrauch vor. Was Ridsale oder ihm selbst vorgeworfen wurde, interessiere ihn nicht, ließ Pell die schockierte Öffentlichkeit wissen. Selbst der Vorsitzende der päpstlichen Kinderschutzkommission bezeichnete den Kardinal als kalt, hartherzig und unhaltbar für den Vatikan. Doch all das tat Pells Karriere keinen Abbruch. Als Nummer drei im Vatikan rückte er an die Spitze der kirchlichen Hierarchie. Erst nach Pells Verurteilung durch ein australisches Gericht entband Papst Franziskus ihn von seinen Ämtern – vorübergehend.

Kardinal Pell ist jetzt wieder ein freier Mann. Er vergebe seinen Anklägern, sagte er. Das sind nicht die neuen, opfersensiblen Töne, die der Papst seinem Personal im Umgang mit Missbrauch verordnet hat – sondern ganz alte. Die Betroffenen, die durch die Ankündigungen des Papstes und auch durch Pells ursprüngliche Verurteilung Hoffnung geschöpft haben, dürften jetzt wissen, woran sie sind.

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Jahrgang 1974, geboren in Wasserburg am Inn, schreibt seit 2005 für die taz über Kultur- und Gesellschaftsthemen. Von 2016 bis 2020 leitete sie das Meinungsressort der taz. Im März erschien ihr Buch "Der ganz normale Missbrauch. Wie sich sexuelle Gewalt gegen Kinder bekämpfen lässt" im CH.Links Verlag.

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