piwik no script img

Kommentar Homophobie in Italien Gegen das imaginierte Sündenbabel

Michael Braun

Kommentar von

Michael Braun

Vater-Mutter-Kind. Nur dies ist eine Familie – und dafür demonstrieren in Rom die Massen. Zum Glück ist das aber nicht mehr die Mehrheitsmeinung.

Ä ußerst machtvoll präsentierten sich Italiens konservative Katholiken. Hunderttausende Menschen kamen zu ihrer Demonstration gegen die Ehe für alle und Gender-Erziehung, obwohl weder die Bischöfe noch die Rechtsparteien die Mobilisierung besonders unterstützt hatten.

Italien, so scheint es, bleibt ein Sonderfall. Nach dem Referendum in Irland ist es der einzige Staat Westeuropas, in dem Schwulen und Lesben die rechtliche Gleichstellung mit Heteropaaren verwehrt ist, der einzige Staat wohl auch, in dem eine Grassrootsbewegung ohne weitere Unterstützung von außen, ohne große Medienkampagnen enorme Demonstrationen zur Verteidigung der traditionellen Familie auf die Beine stellen kann.

Aber die da in sehr offensiven Tönen vom „Satan“ und von „Dämonen“ reden, kämpfen am Ende doch ein Rückzugsgefecht. Auch Italiens Meinungsklima hat sich geändert. Eine klare Mehrheit der Bevölkerung befürwortet heute eine gesetzliche Regelung für schwule und lesbische Paare; allein die Frage, ob sie auch das Adoptionsrecht genießen sollen, beantwortet eine Mehrheit noch mit Nein.

Und Italiens Politik hat das begriffen, nicht nur Ministerpräsident Matteo Renzi, der, selbst Katholik, endlich ein Gesetz durchbringen will, für das die deutsche Regelung die Blaupause sein soll. Begriffen hat es auch die Rechte im Land, die nicht umsonst keinerlei Lust zeigte, sich an der Demonstration in Rom zu beteiligen und sich damit selbst ins Eckchen einer Fundi-Minderheit zu stellen.

Insofern täuschten die Bilder von der Demo in Rom stark. Sie zeigten ein Mainstream-Italien, das sein Vater-Mutter-Kind-Setting (oft genug auch mit Opa und Oma dabei) fröhlich-verbissen gegen das imaginierte Sündenbabel verteidigte. Doch Mainstream ist, Gott sei Dank, dieses klerikal-konservative Italien nicht mehr.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Michael Braun

Michael Braun Auslandskorrespondent Italien

Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Mehr zum Thema

0 Kommentare