Kommentar Börsenabsturz in China

Bloß ein Kasino

Chinas Wirtschaftsboom ist vorerst gestoppt. Politische Gegenmaßnahmen blieben erfolglos – und lockten viele Bürger an die Börse.

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Kasino in Chinas Sonderverwaltungszone Macao. Foto: dpa

Zumindest die ökonomischen Daten haben die Rallye an den chinesischen Aktienmärkten nicht gerechtfertigt. Im Gegenteil: Nach einem fast drei Jahrzehnte anhaltenden Boom kühlt Chinas Wirtschaftswachstum immer weiter ab. Die Firmengewinne gehen zurück. Trotzdem haben Chinas Aktienmärkte bis Anfang Juni immer neue Höchststände erklommen. Innerhalb eines Jahres hatten sie rund 150 Prozent zugelegt. Dieser Boom war denn auch politisch gesteuert. Nun zeigt sich aber: Dieser Schuss ist nach hinten losgegangen.

Aber der Reihe nach: Chinas Lokal- und Provinzregierungen haben in den vergangenen Jahren enorme Schulden angehäuft. Die Banken drohen auf diesen Schulden sitzen zu bleiben und halten sich entsprechend mit Investitionen zurück. Das trifft die Realwirtschaft und erklärt Chinas langsameres Wachstum.

Viele chinesische Privathaushalte hingegen verfügen über erhebliche Vermögen. Mit über 40 Prozent ist die Sparquote in der Volksrepublik eine der höchsten der Welt. Mit einer laxen Kreditvergabe und entsprechenden Appellen versuchte die chinesische Führung, dieses Privatvermögen in den Wirtschaftskreislauf zu lenken – lockte die Bürger vor allem aber an die Aktienmärkte.

Das Problem dabei ist: Kaum ein chinesischer Anleger setzt auf langfristige Investition. Die meisten warteten bloß auf neue Spitzenwerte, um dann rasch zu verkaufen. Das ist an anderen Börsenplätzen auf der Welt nicht grundsätzlich anders. Was sie aber von China unterscheidet: Sie haben auch Anleger wie Versicherungen und Fondsbetreiber, die auf ein langfristiges Engagement setzen. Sie stabilisieren in der Regel die Märkte. China aber hält daran fest, seinen Finanzmarkt gegen ausländische Großanleger abzuschotten.

Solange Chinas Führung nur ein bisschen Kapitalmarkt ausprobiert, ihn zugleich aber weiter abschottet, bleibt Chinas Aktienmarkt das, was er bislang war: bloß ein Kasino.

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war von 2012 bis 2019 China-Korrespondent der taz in Peking. Nun arbeitet er wieder in Berlin und ist in der taz für Weltwirtschaft zuständig. 2011 ist sein erstes Buch erschienen: „Der Gewinner der Krise – was der Westen von China lernen kann“, 2014 sein zweites: "Macht und Moderne. Chinas großer Reformer Deng Xiao-ping. Eine Biographie" - beide erschienen im Rotbuch Verlag.

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