piwik no script img

Kommentar Ausgang der Wahl in SpanienUnter Aufsicht der Märkte

Reiner Wandler

Kommentar von

Reiner Wandler

Spanien steckt in einem Teufelskreis aus Sparen und Vernichtung von Wirtschaftsleistung. Auch der neue Präsident Mariano Rajoy wird daran nicht viel ändern können.

D ie konservative Partido Popular unter Mariano Rajoy wird künftig die Geschicke Spaniens lenken. So besagt es das Wahlergebnis. Die Realität ist eine andere. Längst bestimmt Brüssel, was auf der Iberischen Halbinsel geschieht.

Die Märkte haben Spanien im Visier. Zuletzt lagen die Zinsen für Staatsanleihen bei über 7 Prozent. Wäre Spanien nicht eines der großen EU-Länder, wäre es wohl längst unter dem Rettungsschirm.

Zwar liegen Spaniens Staatsschulden mit rund 70 Prozent des BIPs weitaus niedriger als die der meisten EU-Länder. Doch die Gesamtverschuldung - die Summe aus Staats-, Privat- und Unternehmensschulden - liegt bei 363 Prozent. Das Wirtschaftswunder und der Bauboom waren auf Kredit gebaut.

REINER WANDLER

ist Spanien-Korrespondent der taz in Madrid.

Jetzt in der Krise werden immer mehr Kredite nicht beglichen. Die Sozialkürzungen verschärfen dies noch. Spaniens Banken haben es zunehmend schwerer, selbst an Geld zu kommen. Wer ein Darlehen für eine Geschäftsidee braucht, erhält meist eine negative Antwort. Die Wirtschaft stagniert. Die Steuereinnahmen sinken. Das Defizit ist zu hoch. Spanien steckt in einem Teufelskreis aus Sparen und Vernichtung von Wirtschaftsleistung.

Rajoy hat kein wirkliches Programm vorgelegt, um dieser Lage Herr zu werden. Wo und wie viel er zusätzlich sparen will, verschweigt er. Rajoy könnte eine ähnliche Taktik einschlagen wie sein konservativer Amtskollege im benachbarten Portugal. Dieser setzt weitere Privatisierungen, einen Kahlschlag bei sozialen Rechten sowie drastische Senkungen der Gehälter und Sozialleistungen um und schiebt die Verantwortung auf die verheerende Lage, die er geerbt habe.

Rajoy könnte der Versuchung erliegen, als vermeintlicher Technokrat seine politische Agenda abzuarbeiten, ohne sich offen dazu zu bekennen. Ein Wandel sieht anders aus.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Reiner Wandler

Reiner Wandler Auslandskorrespondent Spanien

Reiner Wandler wurde 1963 in Haueneberstein, einem Dorf, das heute zum "heilen Weltstädtchen" Baden-Baden gehört, geboren. Dort machte er während der Gymnasialzeit seine ersten Gehversuche im Journalismus als Redakteur einer alternativen Stadtzeitung, sowie als freier Autor verschiedener alternativen Publikationen. Nach dem Abitur zog es ihn in eine rauere aber auch ehrlichere Stadt, nach Mannheim. Hier machte er eine Lehre als Maschinenschlosser, bevor er ein Studium in Spanisch und Politikwissenschaften aufnahm. 1992 kam er mit einem Stipendium nach Madrid. Ein halbes Jahr später schickte er seinen ersten Korrespondentenbericht nach Berlin. 1996 weitete sich das Berichtsgebiet auf die Länder Nordafrikas sowie Richtung Portugal aus.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • AS
    Auf sicht

    Wenn die Linke konstruktive legale demokratische angstfreie(=anonyme) Diskussionsmechanismen hätte, gäbe es vermutlich weniger oder sogar keinen Sozial-Kahlschlag.

    Viele Probleme sind absehbar. Die Presse tut dann immer überrascht. Sowas erwartet man vom Privat-TV aber nicht von Berufs-Journalisten mit Schwerpunkten.

    In USA ist doch seit einer Weile dasselbe:

    - Häuser werden "bar" also ohne Kredite gekauft.

    - Früher musste man 0% hinterlegen (in BRD sind es 60% ?) jetzt 25%. das sind Amerikaner nicht gewöhnt.

    - Firmen kriegen auch kaum Kredite.

    - Es kriegen die Kredite, die sie auch sonst bekommen haben.

    Im Prinzip also Selbstverständlichkeiten seit dem ersten Schweinezyklus oder Hungersnot vor ein paar Tausend Jahren.

     

    Wegen dem Titel: Aufsicht führen Politiker und Geheimdienste u.ä.

    Die Märkte wirken nur über das Ergebnis ihrer Teilnehmer wie beim Fußballspiel 3/1/0 Punkte. Da macht jeder indivualökonomisch was er für sinnvoll hält. Echte Märkte hätten Transparenz. So sind es nur Darkrooms ohne nachträgliches Outing wo man (natürlich anonymisiert) sehen würde, welche Branchen/Personensorten,... weshalb kaufen und verkaufen. Märkte sind besser als sie überwiegend gemacht werden. Weil sie kaum existieren. Das Bio-Label ist ehrlicher als der misbräuchlich genutzte Marktbegriff.