Kolumne So nicht

Der Feind schreibt mit

Was nützt uns die Pressefreiheit, wenn wir sie nicht nutzen? Die Freiheit, rechtes Agendasetting zu ignorieren, sollten wir uns nehmen.

an einem Strand, mehrere Leute im Hintergrund, ein Schild mit Gefahrenwarnung im Vordergrund

Ignorieren ist nicht immer ungefährlich. Manchmal aber doch der bessere Rat Foto: Michaela Parente/ unsplash

Ein Jahr lang wurde ich ständig gefragt, ob es nicht besser wäre, die Klappe zu halten, weil man mit dem vielen Lärm um den inhaftierten Journalisten Deniz Yücel den türkischen Präsidenten doch nur noch mehr verärgern würde.

Stets lautete meine Antwort so wie die Antwort der Initiative #FreeDeniz, die den Lärm vor allem in Form der Organisation kollektiven Hupens verantwortete: Wir lassen uns von einem Diktator nicht den Mund und schon gar nicht das Hupen verbieten. Wenn wir zu dem Unrecht schweigen, hat Erdoğan erreicht, was er mit der Inhaftierung unschuldiger Journalisten erreichen will: Abschreckung, Einschüchterung, Sieg.

Es gab in diesem Jahr eine überwältigend große Anteilnahme. Es gab aber auch Kollegen und Kolleginnen, die nicht auf den Demos für die Freilassung von Deniz teilnahmen mit dem Argument: Man sei Journalist, kein „Aktivist“. Warum aber sollte ein Bauarbeiter oder eine Lkw-Fahrerin für Pressefreiheit demonstrieren, wenn es Journalisten nicht tun?

Nütz es oder schadet es?

In diesen Tagen muss ich immer wieder an diese verstörenden Fragen und Haltungen denken, wenn ich sehe, wie Kollegen und Kolleginnen darum ringen, wie sie über Nazis, Rechte, AfD, Identitäre und andere berichten sollen. Und manchmal denke ich dabei: Der Feind schreibt mit.

Mit dem Erstarken der AfD ist für Journalisten eine neue Frage dazugekommen: Schadet das, was ich schreibe, den Rechten oder nutzt es ihnen? Längst ist jeder Pups, den Rechtsradikale, Identitäre und AfD lassen, eine Meldung wert.

Ich glaube, dass es richtig ist, sich diese Frage ständig zu stellen. Ich glaube aber, dass die Anschlussfrage lauten muss: Wie sehr diktieren mir die Rechten schon, was ich schreibe? Überall, wo Rechtsextreme stärker werden, lässt sich nämlich eines beobachten: die Abgrenzung nach links.

Alles Provo

Weil man die eh nie mochte mit ihren nervigen Haltung, ständig alles in Frage zu stellen, bastelt man sich die Linke zusammen, nennt sie ideologisch, gewaltverherrlichend, aktivistisch, die komplexe Lage versimplifizierend und glaubt, dass die Rechtsextremen durch die Linksextremen nur noch rechtsextremer werden. Und ist sich irgendwann ganz sicher: das Problem mit den Rechtsextremen hat sich erledigt, wenn die Linken erledigt sind.

Kurt Tucholsky, dessen 129. Geburtstag in diesen Tagen gefeiert wird, war von den Nazis die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden. In seinem Lebenslauf zum Einbürgerungsantrag an die Schweden schrieb er: „Da die öffentliche Meinung, wenn die Geschäfte nicht gut gehn, gern alles, was ihr nicht paßt, als ‚bolschewistisch‘ ansieht, so wurde Tucholsky mitunter als Kommunist bezeichnet. Das ist unrichtig: er war nach dem Kriege Mitglied der unabhängigen sozialdemokratischen Partei, und nach deren Verschmelzung mit der sozialdemokratischen Partei Mitglied der SPD. Andern Partein hat er nicht angehört.“

Was nützt uns unsere Pressefreiheit, wenn wir sie nicht nutzen? Nehmen wir uns die Freiheit und ignorieren rechte Provokation.

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seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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