piwik no script img

Kolumne Schwarz-Rot-GoldKrieg und Frieden

Kolumne
von Jan Scheper

Die auf einer Skischanze installierte olympische Flamme ist in Sotschi weit sichtbar. Kein Symbol wirkt dort falscher als dieses.

B ERLIN taz Die Wettkämpfe des Tages in Sotschi waren beendet. Und während die Russen ihrem düpierten Eishockeyteam nachtrauerten, marschierte der FC Bayern gerade im ZDF fröhlich ins Londoner Emirates Stadium ein. In der ARD lief als Gegenpart zur Champions League ein „Brennpunkt“ zur Ukraine. Der ARD-Livestream gönnte den letzten Betrachtern aber einen Blick auf das olympische Feuer, das auf einer stilisierten Skischanze lodert.

Dieses sich in den Nachthimmel streckende Flackern schuf einen absurden Moment, der nur vom Gequieke einiger Sporttouristen auf der Medals Plaza gelegentlich unterbrochen wurde. Denn das künstliche Abendlicht gilt auch als Symbol für den olympischen Frieden.

In der Antike galt schon vor Beginn der Wettkämpfen eine allgemeine Waffenruhe – damit die AthletInnen gefahrlos zu den Spielen reisen und daran teilnehmen konnten. Eine leblose Tradition; jüngstes Beispiel ist die Ukraine. Dank des Olympischen Komitees weiß der kritische Zuschauer ohnehin: Sport und Politik gehören einfach nicht zusammen. Ein bitterer Fortschritt.

Wie mag sich wohl der antike Kulturstifter und Feuerbringer Prometheus fühlen, der, legt man die alte Sage anachronistisch aus, wohl immer noch mit einer zerhackten Leber in einer Kaukasusspalte klebt, die Flamme von Sotschi vor der Nase. Seine Schmerzensschreie verhallen an der Küste des Schwarzen Meeres ebenso ungehört wie das Echo vom Maidan in der Ukraine.

Sport hat mit Politik nichts zu schaffen? Damit wird das Bild der Fackel im Livestream zum Dekostück. Man fühlt sich an ein nächtliches TV-Accessoire erinnert. Das Kaminfeuer knisterte beruhigend aus der Glotze heraus. Nichts anderes ist das olympische Feuer aktuell – eine Belanglosigkeit, die die Medien bewusstlos mittragen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Jan Scheper

Geboren 1981 im Ruhrgebiet, hat Germanistik und Komparatistik in Bochum und Berlin studiert. Seit 2009 schreibt er für die taz über Fußball, Radio und Lyrik. Im Juli 2012 wurde er der erste Online-Volontär an der Rudi-Dutschke-Straße und betreute dort u.a. den Bereich Netzthemen, war CvD und kümmerte sich von Oktober 2013-2015 sich um die Einführung eines neuen Redaktionssystems.
Mehr zum Thema

0 Kommentare