Kolumne Europa-Express: Nachtzug nach Lissabon
Aufgeweichter Kabeljau, Ketamin, Schlaf im Sitzen: Lissabon, die letzte Station der Europareise, ist noch einmal eine Herausforderung.
I ch mag keine Nachtzüge. Noch nie hatte ich eine gute Nacht in diesen Dingern, mochten sie noch so komfortabel gewesen sein. Ein Grund dafür ist derselbe, warum ich nur ungern in Hostels schlafe: Ich will die Menschen kennen, mit denen ich die Nacht verbringe.
In diesem Nachtzug von Madrid nach Lissabon, der sich „Trenhotel“ – also „Zug-Hotel“ nennt – habe ich nicht einmal ein Liegeabteil gebucht. Ich werde sowieso kein Auge zu machen, also was solls? Die neunstündige Fahrt verbringe ich daher in aufrechter Position.
Als ich einsteige, sitzt auf dem Platz neben mir schon Anna aus Hamburg. Ich beäuge sie skeptisch: Wir beide werden also die Nacht Schulter an Schulter schlafen. Oder wachen, je nachdem.
Anna ist eine Interrailerin, ihre Route führt sie von Paris nach Porto. Wir unterhalten uns eine Weile, finden uns sympathisch – und schon ist die Situation vertrauter. So wird meine Nacht überraschend okay.
Bei Morgengrauen dann: Lissabon. Nach fast 4.000 Kilometern von Vilnius quer durch Europa meine letzte Station. Die Stadt übt auf viele eine magische Anziehungskraft aus. Wie auf den Protagonisten im Roman „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier. Und auf die Unmenge an Tourist*innen, die die steilen Straßen hoch und runter schnaufen.
In das Leben hier weist mich João – Drei-Tage-Bart und buschige Augenbrauen – ein. In einem versteckten Kellerrestaurant essen wir in Salz eingelegten und dann wieder aufgeweichten Kabeljau (klingt für mich ein bisschen umständlich, ist aber gut). Wir sprechen über Europa, über Rechtspopulist*innen und Feminismus.
Vom 23. bis zum 26. Mai 2019 wählen die Bürger*innen der EU zum neunten Mal das Europäische Parlament. Im Vorfeld fährt Autorin Jana Lapper sieben Tage lang mit dem Zug durch sechs europäische Länder, um zu schauen, was die Menschen vor Ort tatsächlich bewegt.
Ein paar Keller weiter trinken wir dann noch Bier in einer Bar mit wild zusammengewürfelten Sofas. Zwei Belgier setzen sich zu uns, sie werden ab jetzt drei Monate hier leben, weil: „Lissabon is just awesome“. Die Geschichten, die sie erzählen, enden meist mit einer gehörigen Portion Ketamin. Auch das ist eben Lissabon.
Lissabon ist die letzte Station unserer Autorin, die mit dem Zug einmal quer durch Europa von Vilnius nach Lissabon gefahren ist. Die ganze Geschichte erscheint am 17. Mai in der taz.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert