Kolumne Eier

Nie mehr binär. Oder doch?

Dass man Männer mit „Eiern“ und Frauen mit anderen Körperteilen assoziiert, ist hart daneben. Warum tut diese Kolumne das trotzdem?

Beim Frauentag in Hamburg: Person mit gelbem Regenmantel, darauf ein Gender-Protest-Symbol in rot

Geschlechter gibt es viele, Körper gibt es viele. Wann lohnt sich dennoch binäres Denken? Foto: dpa

Man gibt derlei Sachen ja alles andere als gerne zu, dennoch: Diese Kolumne hatte natürlich von Anfang an ein Problem. Ein Problem, das schon in ihrer Grundprogrammierung besteht und das immer wieder Glitches und Bugs erzeugt hat, entgegen den besseren Absichten des Autors.

Denn die Kolumne heißt „Eier“ und handelt von Männern. Merken Sie was? Natürlich merken Sie was, denn Sie haben mich all die Jahre ja immer darauf hingewiesen, wenn ich etwas wieder zu binär gedacht, formuliert, argumentiert hatte. Zu sehr verharrt war im Muster „hier Frauen, da Männer“. Und obendrein vergessen hatte, dass Körper so divers sind wie Geschlecht. Kurzum: dass nicht alle Männer „Eier“ haben und nicht alle Menschen mit „Eiern“ Männer sind. Das gilt nur für cis-Personen. Und selbst da nicht immer.

Sie haben mich all die Jahre immer darauf hingewiesen, wenn ich etwas wieder zu binär gedacht, formuliert, argumentiert hatte. Zu sehr verharrt war im Muster „hier Frauen, da Männer“. Danke hiermit fürs Aufpassen!

Danke hiermit fürs Aufpassen. Das Problem ist aber natürlich auch, dass ich „Eier“ eben symbolisch meine. So wie „Eier haben“ eben anerkennend gemeint und gleichzeitig mit Männlichkeit assoziiert ist. Während die Eier selbst, sowohl die echten als auch die gemeinten Hoden, ziemlich fragil sind und nur für äußerst wenige Dinge nützlich. Eben diesen patriarchalen Knacks wollte ich bearbeiten: dass immer wieder offenkundig Nebensächliches, Unwichtiges oder Unnützes in Hauptsachen, Wichtigkeiten und Unentbehrlichkeiten umgedeutet wird, sofern es dabei um das Konstrukt „Mann“ geht. Sowie eben andersrum. Folgen Sie mir noch?

Die absolute Unsinnigkeit der fast bedingungslosen Ehrerbietung für alles (symbolisch) Männliche wollte ich karikieren, und das funktioniert meistens am besten, indem man sich mitten in die Logik des Binären reinwirft – so lange (und es dauert meistens nicht lange), bis sich herausstellt, wie fragil das alles ist.

Die binäre symbolische Ordnung

Von daher ja: Binarität is over, let’s smash it. Trans Menschen leiden darunter, nichtbinäre, bi, pan und genderqueere Menschen, sie alle müssen viel zu viel erklären, sich viel zu viel wehren, weil die übergroße Mehrheit davon ausgeht, dass es nur zweierlei Geschlecht gibt. Und das ist einfach nicht wahr. Es wird auch immer schwerer, das aufrechtzuerhalten.

Eine Ausnahme würde ich machen, wenn es um die binäre symbolische Ordnung geht, die sich durch unser ganzes Erleben zieht. Die unser Tun und Reden einordnet in gut und schlecht, in normal und deviant, je nachdem als wer wir wahrgenommen werden. Die dafür sorgt, dass dieser oder jener Lebensentwurf uns das Leben schwer macht oder nicht, einfach abhängig davon, ob wir, nun ja, „Eier“ haben. Und um all das zu verstehen, muss man ab und zu ein bisschen binär denken. Aber nicht mehr als nötig, ja?

Und weil Sie das mittlerweile ja auch hervorragend ohne mich beherrschen, ist dies die letzte Folge „Eier“. Nächste Woche gibt’s an gleicher Stelle etwas Neues von mir. Ich freu mich, wenn Sie wieder dabei sind.

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Redakteur für alles, was auf Bildschirmen stattfindet. Interessiert sich besonders für medienethische Fragen und für den digitalen Journalismus der Zukunft. Bei der taz seit 2016. Schreibt in der Kolumne "Kuscheln in Ketten" alle zwei Wochen über Fetisch und SM.

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