Schläge und blaue Flecken

Keine bleibenden Schäden

Ein blauer Fleck wird mit der Zeit grün, dann gelb. Er ist Zeugnis des schönen Gefühls, wenn sich zwei Menschen einvernehmlich Gewalt antun.

Eine Vielzahl von Kochlöffeln liegt auf einem Haufen.

Nicht nur Kochlöffel sind gut geeignet, um einvernehmlich blaue Flecken zu zufügen Foto: imago/Jochen Tack

Ein blauer Fleck ist eine Verletzung von Blutgefäßen ohne offene Wunde. Der Fleck erscheint ein paar Stunden, nachdem ich die Schläge mit dem hölzernen Kochlöffel erhalten habe. Mit jenem Kochlöffel, den aus der Küche zu holen mir befohlen wurde – ich habe gehorcht, in freudiger Erwartung. Blaue Flecke heißen auch, eher hässlich-medizinisch, Hämatom, oder, altmodisch-direkt, Bluterguss. Meine Oma sprach das immer „Bluter-Guss“ aus, sodass ich mir als Kind vorstellte, jemand gieße mit einer großen Kanne flüssige Blutwurst aus dem Fenster.

Der blaue Fleck ist erst mal noch nicht blau. Unmittelbar nach den Schlägen ist die Haut geschwollen, zumindest bei straffem Gewebe. Sie können sich also freuen, wenn sie eine Schwellung haben, dass auf Ihrem Bindegewebe ordentlich Zug ist. Manchen Leuten ist das ja wichtig. Das Blut rinnt nun ins umliegende Gewebe und der Blutfarbstoff Hämoglobin, der Eisen enthält, färbt die Gegend um die verletzte Stelle rot ein. Das passiert, während wir beide uns noch in den Armen liegen und ausruhen. Denn Prügeln ist erschöpfend, auch für den oder die, die prügelt.

Während wir noch chillen und uns schmutzige Sachen zuflüstern, haben die Blutplättchen zu arbeiten angefangen. Wenige Stunden nach der Verletzung sind die Äderchen bei idealtypischem Heilungsverlauf wieder geschlossen, es rinnt kein frisches Blut nach. Der blaue Fleck wird jetzt wirklich blau. Das haben wir aber nicht mehr mitbekommen, weil wir längst schlafen.

Nichts wird zurückbleiben

Nach dem Ausschlafen und dem gemeinsamen Frühstück darf der Fleck dann schon wieder die Farbe wechseln, weil ich mittlerweile beschlossen habe, dass ich heute nicht nochmal Schläge brauche. Das Hämoglobin wird also abgebaut zu Biliverdin, welches die Stelle grünlich färbt; während wir uns verabschieden und sagen, dass wir das bald wieder machen sollten; während ich die Zigarettenstummel und Bierflaschen entsorge und das Geschirr abwasche – ja, auch den Kochlöffel.

Der besondere Moment, der entsteht, wenn zwei Menschen sich einvernehmlich Gewalt antun, er hält noch ein bisschen vor. Ein oder zwei Tage bleibt das High, die Ausgeglichenheit, die erhöhte Empfindsamkeit für Sinneseindrücke und für die eigene Gefühlswelt. Das sporadische Zwicken in der malträtierten Gegend reißt sogar noch ein paar Tage länger immer mal wieder angenehm aus der Betäubtheit des Alltags heraus und erinnert: Du hast jemand dich schlagen lassen, und du hast es genossen. Du Schelm.

Dann nimmt die Wirkung ab und zugleich wird das Biliverdin weiter zersetzt, zu Bilirubin, das zwar rot klingt, aber tatsächlich gelb ist. Und gelb wird dann auch der Fleck, bevor er verschwindet und nichts zurücklässt. Keine bleibenden Schäden. Das ist eine der häufigsten Grenzvereinbarungen unter SM-Liebenden. Heißt: Wir wollen uns nichts wirklich Destruktives antun. Höchstens etwas, das ein bisschen so aussehen könnte. Auf den ersten Blick.

Einmal zahlen
.

Redakteur für alles, was auf Bildschirmen stattfindet. Interessiert sich besonders für medienethische Fragen und für den digitalen Journalismus der Zukunft. Bei der taz seit 2016. Schreibt in der Kolumne "Kuscheln in Ketten" alle zwei Wochen über Fetisch und SM.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben