Kolumne Dumme weiße Männer

Viel Testosteron, wenig Pigmente

In Brasilien haben korrupte weiße Männer alle Frauen und Nicht-Weißen aus der Regierung getrieben. Nun leben alte Hierarchien wieder auf.

Michel Temer lächelt

In Brasilien ist die Macht weiß und männlich: Michel Temer Foto: ap

Wenn das der Backlash auf den steigenden Einfluss von Frauen und Nichtweißen ist, dann ist er überdeutlich: Das neue Kabinett in Brasilien besteht ausschließlich aus weißen Männern. Zur Macht gekommen sind sie, indem sie in einem zweifelhaften Verfahren Brasiliens erste Präsidentin von ihrem Amt suspendiert haben.

Nun war das Kabinett der geschassten Dilma Rousseff, mit 6 Frauen und einem schwarzen Mann in 39 Ämtern, weit davon entfernt, ein Paradies der Gleichberechtigung zu sein – doch zuletzt war eine brasilianische Regierung zu Zeiten der Militärdiktatur so weiß und männlich. Und während sie Rousseffs Regierung vorwerfen, ihre Bücher schöngerechnet zu haben, sind viele ihrer Gegner selbst der persönlichen Bereicherung durch Korruption verdächtigt.

„Tschüss, Liebes“ stand auf Schildern, die manche Abgeordnete nach der Wahl zu Rousseffs Amtsenthebung hochhielten. Rousseff selbst stellte berechtigterweise die Frage, ob ein männlicher Präsident bei ähnlichen Vorwürfen wohl je so behandelt worden wäre wie sie. „Ordnung und Fortschritt ohne Frauen und Schwarze“, schrieb ein brasilianischer Journalist auf Twitter. „Die Regierung Temer beginnt mit viel Testosteron und wenig Pigmenten.“

Aufgrund von Kolonialismus und Sklavenhandel sind in Brasilien Rassismus und Armut eng miteinander verwoben. Und so stellt die Suspendierung Rousseffs alte Hierarchien wieder her – tatsächlich, wie symbolisch. Die neue Regierung um den ehemaligen Vizepräsident Michel Temer besteht aus der alten Elite, die die 13-jährige Herrschaft der Arbeiterpartei nicht mehr aushielt. Das neue Kabinett signalisiert: Egal, dass die Mehrheit in Brasilien Nichtweiße und Frauen sind, weißen Männern gehört die Macht. Am anderen Ende dieser Hierarchie sind schwarze Frauen, die am häufigsten Opfer von Gewalttaten sind.

Doch zugleich geht es in Brasilien wohl auch darum, wie Frauen zu sein haben. Dilma Rousseff kämpfte in der Guerilla gegen die Militärdiktatur, wurde als Gefangene gefoltert, war zweimal verheiratet und ist zweimal geschieden. Das Gegenmodell ist derzeit die Frau Michel Temers, die neue First Lady. 43 Jahre jünger als Michel, wurde Marcela Temer kürzlich in einem Zeitungsporträt als „schön, sittsam und Hausfrau“ beschrieben. Sie sei „glücklich“ weil ihr Mann sie mal wieder zum Essen ausgeführt habe, heißt es, und wünsche sich einen zweiten Sohn mit ihm.

Nur elf Länder werden von Frauen regiert

Mit der Suspendierung Rousseffs verschlechtert sich eine andere, selten beachtete Statistik: die der weiblichen Regierungschefinnen weltweit. Von den fast 200 Ländern der Welt werden gerade einmal elf von Frauen regiert, nun sind es zehn. Unübersehbar ist auch: Die Mehrzahl dieser Frauen sind Nichtweiße und sie regieren nicht etwa die Demokratien des Westens, sondern die Demokratien des Globalen Südens. Ausgerechnet die Geburtsländer der modernen Demokratie, die USA und Frankreich, haben noch nie eine Präsidentin gehabt. Die Weltmacht Russland ebenfalls nicht. Und in Ländern wie Großbritannien und Deutschland sind Regierungschefinnen noch immer die Ausnahme.

Kurz: Männer regieren die Welt, weiße Männer haben die Macht.

Wie kommt es? Einen Hinweis kann man dieses Jahr zum Beispiel in den USA finden, wo im November Hillary Clinton die Statistik zugunsten von Frauen wieder etwas aufbessern könnte. In den Umfragen sind sie und ihr rechtspopulistischer Konkurrent Donald Trump fast gleichauf. Eine gestandene Politikerin mit jahrzehntelanger Erfahrung liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einem rassistischen Armenfeind, einem schlechten Geschäftsmann, mit wahnwitzigen politischen Ideen und Widersprüchen ohne Ende.

Das Einzige, was offenbar das alles vor dem Wahlvolk ausgleichen kann? Trump ist ein weißer Mann. Und so ist es auch kein Wunder, dass die bisherige Opposition in Brasilien sich mit einem absurden Slogan auch an ihn wandte: „Trump gewinne und hilf Brasilien“.

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Lalon Sander ist Hoodiejournalist und Wortpolizist. Fachredakteur für N-Wort-Debatten , Kommunenleben und Böhmermann-Fans . Meine Texte gibt es hier im RSS-Feed .

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