Kolumne Der rote Faden

Wir werden es überwinden

In Texas stirbt eine Afro-Amerikanerin im Knast, in Charleston agitieren Rassisten auf der Straße. Und „The Donald“ macht einen Bauchklatscher.

Ein Polizist hilft einem Mann, der ein T-Shirt mit einem Hakenkreuz darauf trägt

Helfen, egal wem. So sieht es Leroy Smith aus Charleston – und ignoriert das Hakenkreuz auf dem T-Shirt des Mannes. Foto: Rob Godfrey/ap

„We shall overcome. I’ll be all right someday.“ Wir werden es überwinden. Eines Tages wird es mir gut gehen. Der Song ist einer der bekanntesten Protestsongs in der US-amerikanischen Geschichte. Seit 50 Jahren Symbol der Bürgerrechtsbewegung, Präsident Lyndon B. Johnson zitierte ihn 1965 in seiner Rede, in der er das Wahlrecht für alle BürgerInnen des Landes forderte. „Es sind nicht nur die Neger. Wir alle müssen in Wirklichkeit das lähmende Vermächtnis der Bigotterie und Ungerechtigkeit überwinden. Und wir werden es überwinden.“

70 Millionen Amerikaner verfolgten Johnsons Worte. 50 Jahre später teilen und liken in dieser Woche Millionen weltweit im Netz ein Foto von Leroy Smith. Der afroamerikanische Polizist aus Charleston in South Carolina hilft darauf einem weißen Mann ein paar Treppenstufen hinauf. Der Mann trägt ein T-Shirt mit einem Hakenkreuz. Er ist ein Rassist und hatte an einer Kundgebung des Ku-Klux-Klan teilgenommen, um dagegen zu protestieren, dass die Konföderiertenflagge nicht länger auf dem Kapitol weht.

Smith wird als Held gefeiert, er selbst zeigt sich überrascht von der überwältigenden Reaktion auf das Bild. Er habe seinen Job gemacht. Menschen geholfen, egal woran sie glauben. „Ich hoffe, das Foto wird für Menschen zu einem Katalysator, damit wir einiges von dem Hass und der Gewalt, die unser Land in den vergangenen Wochen erlebt hat, überwinden.“ We shall overcome.

Seit der mutmaßliche Attentäter Dylann Roof in Charleston am 17. Juni neun Afroamerikaner erschossen hat, brennen wieder Kirchen. Dagegen stellen sich Menschen wie Leroy Smith. Mit einer einzigen Geste, die sagt: Wir können es überwinden.

Hunderte Kilometer weiter stirbt in einer texanischen Gefängniszelle Sandra Bland, nachdem sie von einem Polizisten wegen einer Bagatelle festgenommen worden war. Die Afroamerikanerin soll sich erhängt haben, ihre Familie glaubt das nicht. Häppchenweise veröffentlichen die Behörden Dokumente, sie widersprechen sich, laut Autopsie war es nun Suizid. Doch warum musste die „Black Lives Matter“-Aktivistin in den Knast, nur weil sie den Blinker nicht gesetzt hatte? Die Handlung eines Einzelnen wirft erneut Fragen nach Rassismus und Polizeigewalt auf.

Trump mit exzellenter B-Note

Es ist die Gesellschaft und nicht zuletzt die Politik, die in Demokratien den Rahmen setzen sollten, um Rassismus zu begegnen. In der amerikanischen Politik zählt in Wahlkampfzeiten jedoch nicht die ernsthafte Auseinandersetzung, sondern vielmehr der Unterhaltungswert, wie der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump derzeit aufs Anschaulichste verdeutlicht.

In dieser Woche liegt er in Umfragen erstmals vor dem Dutzend anderer Bewerber, die bei den Konservativen um die Kandidatur für das Weiße Haus buhlen. The New Yorker hebt Trump in seiner aktuellen Ausgabe gar auf den Titel. Zeichner Barry Blitt zeigt „The Donald“ in vollem Flug. Das Haar weht aus der Stirn, Arme und Beine sind in exzellenter B-Note nach hinten gestreckt, es wird ein herrlicher Bauchklatscher in einen Swimmingpool voller Republikaner. Jeb Bush klammert sich ans Geländer – Rückzug statt Angriff.

Trump versteht sich darauf, jede Menge Unsinn von sich zu geben. Niemand mag ernsthaft daran glauben, dass er am Ende tatsächlich triumphieren wird, doch er schafft sich ein Forum, in dem er wahlweise alle Einwanderer aus Mexiko als Drogendealer und Vergewaltiger abstempeln kann, mit seinen Milliarden protzt oder Vietnam-Veteran John McCain verhöhnt. Es sind billige Tricks, und die Medien halten drauf, denn die Leute schalten ein.

Obama endlich mutig

Klar gehört das im unterhaltungsverliebten Amerika dazu, ohne Showbiz gewinnt man weder Sympathien noch Wahlen. Barack Obama sitzt noch einmal in Jon Stewarts „Daily Show“. Und Obama kann sich den Auftritt leisten. Er ist endlich der Präsident, den viele im Jahr 2008 gewählt haben: entscheidungsfreudig, mutig, mit Agenda. Gesundheitsreform, Ehe für alle, Justizreform und nicht zuletzt der Rassismus im Land: Obama hat seine Sprache zum Ende seiner Amtszeit wiedergefunden.

Bei Trump stimmt einzig der Entertainmentfaktor. In einer ernsthaften Debatte darüber, wer der nächste Präsident werden wird, sollte man ihn bald überwinden. Der Fall Sandra Bland, die Ku-Klux-Klan-Anhänger auf Charlestons Straße – das größte gesellschaftliche Problem der USA ist fortwährend präsent. Vier Tage vor seiner Ermordung am 4. April 1968 sagte Martin Luther King in einer Rede: „We shall overcome.“ Es ist an der Zeit.

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Jahrgang 1980, studierte Journalistik und Amerikanistik an der Universität Leipzig und der Ohio University. Seit 2010 bei der taz, zunächst Chefin vom Dienst, seit Juli 2014 Leiterin von taz.de. Schreibt schwerpunktmäßig Geschichten aus den USA.

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