Kneipen und Alkoholverbot auf St. Pauli: Vor der Sperrstunde

Die Stimmung auf St. Pauli ist am Boden. Die Bars dürfen wieder öffnen, aber die Auflagen erlauben ihnen kein gutes Geschäft. Eine Tour über den Kiez.

Ein Mann sitzt am Tresen, eine Frau steht dahinter und raucht

Nach sieben Monaten Lockdown gibt es einiges zu besprechen am Tresen der Holstenschwemme Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Mittwochabend, 21.30 Uhr: Wie viele Kneipen schafft man noch bis zur Sperrstunde? Schnell die mitgebrachte Bierflasche ausgetrunken und an den Bordstein gestellt – aber Moment, Bier auf der Straße trinken? Das darf man auf St. Pauli gar nicht mehr. Seit Montag gilt ein Alkoholkonsumverbot auf der Reeperbahn und in den umliegenden Parks, Straßen und auf den Plätzen. Wochentags ist der Verzehr alkoholischer Getränke ab 14 Uhr, am Wochenende ganztägig verboten. Dann bleiben also nur die Kneipen, und die müssten sich eigentlich freuen.

„Ich find’s bekloppt“, sagt Carmen Rose, die seit 30 Jahren in der „Holstenschwemme“ hinter dem Tresen steht. Dass die Gefahr, sich zu infizieren, draußen geringer ist, sei schließlich bekannt. „Die Leute auf der Straße werden malträtiert“, findet sie. Am vergangenen Wochenende wieder Gäste zu empfangen, sei komisch gewesen, nach sieben Monaten hätten sich alle erst mal wieder an die Kneipe gewöhnen müssen. „Viele sind noch vorsichtig und trauen sich gar nicht“, sagt Rose.

Gäste müssen einen negativen Coronatest nachweisen und sich über die Luca-App registrieren. Dabei haben viele Ältere gar kein Smartphone, was auch den digitalen Testnachweis erschwert. Zur Not geht auch ein direkt bei Rose erworbener Corona-Selbsttest.

Gerade mal fünf Personen haben sich an diesem Abend in ihrer Stammkneipe eingefunden. Etwas Rauch steht in der Luft, die Jukebox schweigt. Im Nachbarraum hört man leise die Billardkugeln klackern, zwei Gäste spielen eine Partie. Die drei Männer am Tresen unterhalten sich mit Carmen Rose. „Nö, vermisst hab’ ich das hier eigentlich gar nicht“, sagt einer von ihnen und lacht laut. Blöde Frage. Natürlich haben alle das hier vermisst. Auf einem gemütlichen Hocker am Tresen sitzen, an den Wänden alte Schiffstaue, Fischernetze und Messgeräte aus Messing und das Bier immer kalt, immer frisch. Dazu ein bisschen Rauch in die Luft blasen, ein bisschen Blödsinn quatschen – herrlich.

„Man weiß: Wenn ich Durst kriege, könnte ich hingehen“

„Man muss ja bei dem Wetter nicht in die Kneipe rennen“, sagt Rose und wischt mit einem Lappen über ein Stück Tresen. „Aber man weiß: Wenn ich Durst kriege, könnte ich hingehen.“ Darauf ein frisches Holsten. Einer von den Billardspielern hat jetzt zwei Euro in die Jukebox geschmissen, daraufhin singt Enrique Iglesias „Taking back my love“ und es wird Zeit, weiterzuziehen.

In der nächsten Kneipe läuft es nicht so unkompliziert. „Eintritt nur mit aktuellem Negativtest“, gilt natürlich auch im „Piccadilly“, der ältesten Schwulenbar Hamburgs. Aber der selbstgemachte Teststreifen aus der Holstenschwemme wird nicht akzeptiert. Das ist nachvollziehbar, schließlich sitzt man in dem plüschigen Raum, dessen Wände mit einer Sammlung von Hunderten Whiskykrügen dekoriert sind, Schulter an Schulter. „Tut mir leid, Schatz“, sagt der Kellner Olaf C. „Da kann ich leider keine Ausnahme machen.“ Richtig so, aber wenn ich schon daran scheitere, mir nachmittags einen Testtermin zu buchen, um abends nicht mehr ganz so spontan in die Kneipe zu gehen, wie geht es dann erst älteren oder verpeilteren Menschen?

Gut dran sind die Kneipen, die einen Außenbereich haben. Für sie gilt auch die Sperrstunde nicht – außer in Hotspots. Die Reeperbahn ist eigentlich ein Hotspot, das Konsumverbot im öffentlichen Raum gilt dort selbstredend. Aber der Spielbudenplatz, das Zentrum des Ausgehviertels, ist schon lange kein öffentlicher Raum mehr. Seit 2006 betreibt eine private Gesellschaft aus anliegenden Kiez­un­ter­neh­me­r*in­nen die Fläche in öffentlich-privater Partnerschaft.

Der „Großstadtdorfplatz“ wird in der Regel nicht von St. Pau­lia­ne­r*in­nen angesteuert, eher von Tou­ris­t*in­nen oder Be­su­che­r*in­nen aus der Peripherie. Aber dort gibt es Platz, Liegestühle und Fassbier, und man braucht keinen Test. Von der zweieinhalb Millionen Euro teuren, gigantischen Fassade des „Klubhaus“ strahlt hektisch eine Astra-Werbung aus Hunderttausenden LED-Lampen herüber. Wie penetrant darf Außenwerbung sein?

„Die Regelung mit der Sperrstunde für die Innengastronomie hat einen Keil in die Kneipenszene getrieben“, ärgert sich Dominik Großefeld. Der Wirt der urigen Kneipe „Silbersack“ ist Vorsitzender des Barkombinats, in dem sich Hunderte Bars und Kneipen zusammengeschlossen haben, um in der Pandemie ihre Interessen gegenüber dem Senat stark zu machen.

Der „Silbersack“, eröffnet 1949 und seitdem nahezu unverändert, was die Innenausstattung angeht, ist noch geschlossen. Wenn er öffnen würde, wäre das ein fettes Minusgeschäft, erklärt Großefeld. Tagsüber kommen zu wenig Leute und die Zeit am Abend ist zu kurz, der Raum mit den Abstandsregeln zu klein, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Tische kann er nicht auf die Straße stellen, seine Kneipe liegt an einer viel zu engen Einbahnstraße. So geht es vielen Läden auf

St. Pauli. Zudem ist das Personal zum Teil noch nicht geimpft und sich für eine mickrige Fünf-Stunden-Schicht hinter den Tresen zu stellen, ist maximal unattraktiv. „Die Regelung, so wie sie jetzt ist, ist ein Angriff auf die kleinen Läden“, sagt Großefeld.

Auch das Alkoholverbot auf den Straßen hält er für nicht zielführend. „Es schürt eher das Aggressionspotenzial bei den Menschen, die eigentlich gewillt sind, sich an die Maßnahmen zu halten, aber jetzt nicht mehr mit einem Bier in der Hand durch die Straßen schlendern können“, sagt er. Da, wo es Problemlagen gebe, wie etwa bei dem Rave im Florapark, weswegen jetzt die flächendeckenden Konsumverbote gelten, kann die Polizei ja ohnehin immer einschreiten, aufgrund der Kontaktverbote.

Klar, wenn Alkohol auf der Straße generell verboten ist, hat die Polizei es von vornherein einfacher. „Aber muss ich mir das Trinken verbieten lassen, um der Polizei die Arbeit zu erleichtern?“, fragt Großefeld. „Ich glaube nicht.“ Obgleich der Inzidenzwert in Hamburg bei mickrigen 18 liegt, gelten so scharfe Maßnahmen, dass es der halben Kneipenbranche unmöglich ist, kostendeckend zu arbeiten. „Da fragt man sich: Wo hört Pandemiebekämpfung auf und wo fängt Berufsverbot an?“, fragt der Wirt.

Die Stimmung auf dem Kiez, sie ist ziemlich am Boden. Nicht mal die Läden mit viel Außenfläche strahlen Feierlaune aus. Auf der großen Freiheit ist es ja immer etwas deprimierend, aber während sich in normalen Zeiten testos­terongesteuerte Menschenmassen durch die Straße schieben, hatte sie im Lockdown ihre ganz eigene, leere Tristesse. Jetzt haben gerade mal zwei Läden geöffnet: das ehemals legendäre „Livesextheater“, inzwischen verkommen zum bayerischen Bierdorf mit hohen Tischen und chronisch unglücklich aussehenden Gästen in Karohemden und Caprihosen; und das urige „Gretel & Alfons“ direkt gegenüber, das auch nicht gerade Lebensfreude ausstrahlt. Ein paar Grüppchen von drei, vier Leuten sitzen an den Tischen und schlürfen Longdrinks aus XXL-Gläsern.

Rosi Samac, Kiezwirtin

„Aber die Gäste verstehen es ja auch nicht. Sperrstunde hier, aber dort nicht, Alkoholverbot hier, Testpflicht da, das ist doch Blödsinn“

Der letzte Bummel über die Reeperbahn kurz vor der Sperrstunde kann die Stimmung auch nicht heben. Vor dem Klub mit dem schnörkellosen Namen „Wodka Bombe 4 Euro“ herrscht großer Andrang, alle Tische im Außenbereich sind besetzt. Was soll man sagen, die Leute wollen saufen.

Immerhin: In der „Holstenschwemme“, die pünktlich um 23 Uhr geschlossen hat, war es schön. Auch wenn die Wirtin Rosi Samac nicht gerade gute Laune bekommt, wenn sie sich die Umsätze der vergangenen Tage anguckt. „Hör mir auf du“, sagt sie später am Telefon. Und jede Woche eine neue Regelung, wer soll da noch hinterherkommen. „Vielleicht bin ich auch zu alt dafür“, sagt Samac, die 73 ist. „Aber die Gäste verstehen es ja auch nicht. Sperrstunde hier, aber dort nicht, Alkoholverbot hier, Testpflicht da, das ist doch Blödsinn.“

Natürlich habe sie sich gefreut, wieder öffnen zu können, die Gäste zu begrüßen, man hat sich ja lange nicht gesehen. Aber das ganze Hin und Her an Bestimmungen treibe die Leute in den Wahnsinn, Gäste wie Wirte. Am schlimmsten treffe es die kleinen Läden, die nichts zur Seite legen konnten für diese verrückten Zeiten.

Jetzt müsse man erst Mal sehen, wie es weitergehe, sagt Samac, und zwar jeden Tag aufs Neue. Recht hat sie, und eine Gewissheit gibt es ja immerhin, und das ist doch irgendwie beruhigend: Man muss nicht in die Kneipe rennen. Aber wenn ich Durst habe, kann ich wieder hingehen.

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