Wohnungsbau statt Kneipe in Hamburg: Pub wird trockengelegt

Nach 39 Jahren ist für den Irish Pub „Shamrock“ im Karolinenviertel Schluss. Die Betreiberin fühlt sich vom Investor getäuscht.

Im Shamrock, einer dunklen Kneipe, schauen drei Männer Fußball auf einem kleinen Fernseher

Geschichtsträchtig und wohl bald Geschichte: das Shamrock Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Es ist heiß, obwohl es schon Abend ist. Viel zu heiß, um im schummrigen „Shamrock“ zu sitzen. Lindsay Bennett, die Besitzerin des Irish Pubs, hat das Interieur nach außen gekehrt. Dunkle Holzstühle stehen um eine runde Tischplatte auf einem leeren 50-Liter-Bierfass. Lindsay Bennett wartet auf Gäste. Und sie wartet auf die Schließung ihres Pubs.

Links und rechts ragen bunt besprühte Wände von Wohnhäusern auf. Nur das Gebäude an der Feldstraße 40 sticht heraus. Im Gegensatz zu den benachbarten Häusern ist es nur einstöckig.

Dabei ist das Geschäft mit dem Wohnraum lukrativ, insbesondere auf St. Pauli, wo sich in den vergangenen 15 Jahren der Preis für Eigentumswohnungen verdreifacht hat – mindestens. Auch die Mietpreise im Viertel steigen rasant. Das weiß man auch beim Hamburger Bauunternehmen Otto Wulff GmbH. Seit 2011 gehört ihm das Grundstück, auf dem das Shamrock steht. Die Kneipe ist seit 39 Jahren dort im Karolinenviertel. Ab August sollen dort 23 Wohnungen und drei Geschäftsräume entstehen. Einer davon hätte das neue Shamrock werden können. Hätte.

„Es ist nicht fair“, sagt Bennett, die sich mit ihren Ellenbogen auf der dunklen Theke abstützt. Sie spricht Englisch mit rauchiger Stimme. „Als ich die Bar 2020 übernommen habe, hat mir Otto Wulff versichert, dass ich auch ins neue Gebäude einziehen könne – mit Küche und allem Drum und Dran.“ In der Firma muss bekannt gewesen sein, dass der Pub auch von Livemusik auf der kleinen Bühne im Hinterzimmer lebt.

Keine Küche, keine Musik

Ein Gast kommt dazu und bestellt lallend einen Shot Wodka. „You’re verywelcome“, sagt sie und lächelt ihn an und überreicht ihm mit beiden Händen das winzige Glas wie einen Pokal. „Als ich im Februar wieder von Otto Wulff kontaktiert wurde, hieß es: keine Küche, keine Musik – und dass sie mir quasi nur den Raum und die Anschlüsse für die Elektrik zur Verfügung stellen.“ Das bedeutet, dass zu den Kosten für den Innenausbau 80.000 Euro für Lärmschutz sowie die Finanzierung der WCs hinzukämen. „Wie soll ein Pub so überleben?“, fragt die Wirtin. „Vor allem nach einem Jahr Pandemie?“

Die 49-jährige wandte sich in ihrer Verzweiflung an die Hamburger Morgenpost. Als der Artikel erschienen war, meldete sich eine Mitarbeiterin von Otto Wulff, das sich auf seiner Internetseite als Familienunternehmen bezeichnet und 600 Menschen beschäftigt. „Die erste Frage, die sie mir stellten war: Wieso bist du zur Zeitung gegangen?“, sagt Bennett. „Ich sagte: warum nicht?“ Sie hebt fragend eine Handfläche in die Luft.

Später versucht der Bauträger die Wogen zu glätten. In sozialen Medien teilt Otto Wulff über die Unternehmensaccounts unter dem Hashtag #Verantwortung ein Hilfegesuch an seine plattformübergreifend 2.000 Follower. „Gemeinsam mit dem Shamrock haben wir die letzten Monate versucht, einen Wiedereinzug in den Neubau möglich zu machen. Leider ohne Erfolg.

Die Lämschutzauflagen von Seiten der Behörden sind für das Shamrock nicht praktikabel“, postet das Familienunternehmen. „Umso mehr möchten wir helfen! Kennt ihr eine passende Location?“, schreibt die Firma. Dazu ein grünes Herz.

„Uns liegt die Zukunft des Shamrock sehr am Herzen!“, behauptet der Pressesprecher von Otto Wulff, Michael Nowak. „Wir haben unterschiedlichste Wege gesucht, einen Wiedereinzug in das neue Wohn- und Geschäftshaus möglich zu machen“, sagt er. Das Bauunternehmen habe Nachträge zum Bauantrag eingereicht, um die Anforderungen für den Pub erfüllen zu können.

Weil in den Etagen darüber Wohnungen geplant sind, seien die behördlichen Auflagen sehr hoch. „Das Shamrock müsste wegen Lärmschutzregelungen bereits um 22 Uhr schließen. Wir haben uns bei der Baubehörde für das Shamrock eingesetzt und versucht, eine Verlängerung bis 23 Uhr zu erreichen – dies wurde leider verneint.“

Der Bezirk gibt sich wortkarg

Die Behörden verweisen auf die „Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm“ von 1998. Bei Wohnbebauung in sogenannten „urbanen Gebieten“ dürfe in der Nacht der Lautstärkewert von 45 Dezibel nicht überschritten werden. Warum das Shamrock trotz nachträglicher Änderungen im Bauantrag nicht bis 23 Uhr Musik spielen dürfte, beantwortet der Bezirk Mitte wortkarg: „Der bauliche Schallschutz ist nur für den Betrieb einer Gaststätte bis 22 Uhr ausreichend.“

Dieselben Regelungen gälten für die zahlreichen Kneipen in der Gegend, die auch danach noch Musik spielen, auch wenn sie schon vor 1998 bestanden, so eine Bezirkssprecherin. Dort finde aber lediglich eine „anlassbezogene Überwachung“ statt.

Lindsay Bennett, Pub-Besitzerin

„Die wollen fast die doppelte Miete und stellen mir einen leeren Raum hin. Das klingt für mich nicht nach Hilfe“

Carl kommt dazu. Seine Unterarme sind tätowiert. Er organisiert das Pub-Quiz im Shamrock. „We are a family, you know?“, sagt er und schaut Bennett in die Augen. Aber Lindsay Bennett fühlt sich allein gelassen. Wieso Hauseigentümer Otto Wulff erst nach dem Zeitungsartikel Hilfe anbot, fragt sie sich.

Auch warum nicht, wie mündlich besprochen, eine Küche eingebaut wird. „Otto Wulff sagt im Internet, dass sie mir helfen wollen. Für mich sieht das nur so aus, als würden sie versuchen, ihr Image zu retten.“ Die Engländerin fasst resigniert zusammen: „Die wollen fast die doppelte Miete und stellen mir einen leeren Raum hin. Nach einem Jahr Corona. Das klingt für mich nicht nach Hilfe.“

Sie sucht händeringend nach einem neuem Ort in der Nähe, an dem sie das Shamrock wiedereröffnen kann. Ihre Schlüssel muss sie am 30. Juni abgeben. Erst im August soll der Abriss beginnen.

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