Klimaaktivistin über Uganda: „Wir brauchen Fridays for now“

Vanessa Nakate wurde aus einem AP-Foto herausgeschnitten. Das lasse afrikanische Stimmen nur lauter werden, sagt die ugandische Klimaaktivistin

Frau steht mit Protestplakat auf der Strasse, ein mann mit Motorrad fährt an ihr vorbei

Klimaaktivistin Vanessa Nakate demonstriert für Klimaschutz Foto: Sumy Sadurni

taz: Frau Nakate, die Nachrichtenagentur AP hat Sie – die einzige Aktivistin mit schwarzer Hautfarbe – aus einem Foto herausgeschnitten. Was ist da passiert?

Vanessa Nakate: Wir hatten an diesem Freitag beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine Pressekonferenz geplant. Davor wurden Fotos gemacht. Während der Konferenz haben wir alle Statements abgehalten und von den Problemen erzählt, auch ich. Später sah ich nach, was die Journalisten geschrieben haben. Erst habe ich das Foto nur auf Twitter gesehen und gedacht, es sei für die sozialen Medien verkleinert worden. Doch auf dem großen Foto zum Artikel war nur der Zipfel meiner Jacke zu sehen. Es war als ob ich nicht existiere.

Wie reagierten Sie?

Ich schrieb einen Antwort-Tweet auf den Artikel mit dem Foto, nach dem Motto: „Ich war Teil dieser Gruppe, aber sehe mich nicht auf dem Foto – warum habt ihr mich ausgeschnitten?“ oder so ähnlich. Ganz ehrlich, ich ahnte in dem Moment nicht, wie viral das gehen würde. Es hat mich ermutigt, ein Video zu drehen. Aber dann bin ich live vor der Kamera zusammen gebrochen und habe geweint. Es hat mich wirklich erschüttert.

Was haben die Verantwortlichen in der Nachrichtenagentur getan?

Ich habe eine Entschuldigung bekommen von der Chefredakteurin, von ihrem privaten twitter-Konto. Da habe ich sie gebeten, sie auch über den offiziellen Medienaccount von AP zu posten. Am nächsten Tag kam dann die Entschuldigung auch offiziell. Aber sie haben mich immer noch als „afrikanische Klimaaktivistin“ bezeichnet, statt meinen Namen zu nennen.

Ist die Klimabewegung weltweit mehr eine Sache der weißen, reichen Europäer?

Letztlich hat das alles dazu geführt, dass wir Aktivisten in Afrika nun unsere Stimme erheben. Als die Geschichte mit dem Foto bekannt wurde, haben mir andere afrikanische Aktivisten erzählt, das ihnen so etwas ebenfalls passiert ist. Auch andere wurden schon aus Fotos herausgeschnitten oder in Artikeln zum Thema nicht zitiert. Es ist ganz klar Rassismus.

Vanessa ­Nakate, 23, ist in Ugandas Hauptstadt Kampala geboren und aufgewachsen. Die studierte Betriebswirtschafterin begann Anfang 2019 mit freitäglichen Streiks, später gründete sie die Bewegung Youth 4 Future Africa, die sich im Januar 2020 in Rise up Movement umbenannte.

Wie sind Sie Aktivistin geworden?

Ich habe im Mai 2018 meine Vorlesungen an der Universität beendet und hatte dann 6 Monate Zeit bis zu meinem Abschluss an der Business School. Ich habe recherchiert, welche Hürden die Menschen hier in ihrem täglichen Leben haben, denn ich wollte ein Projekt machen, das wirklich das Leben vieler verändern kann. In der Schule haben wir über Klimawandel gelernt, dass er in der Zukunft passieren wird und dass wir uns heute darüber keine Gedanken machen müssen. Aber dann musste ich feststellen: Klimawandel passiert jetzt schon!

Und wann haben Sie zum ersten Mal gestreikt?

Im Januar 2019, direkt nach der Abschlusszeremonie in der Universität. Es war ein Freitag und seitdem mache ich das jeden Freitag. Ich bin in meiner akademischen Robe mit dem eckigen Hut und meinem Plakat auf die Straße gegangen, ganz alleine. Die Leute haben mich angeguckt als sei ich verrückt. Auf dem Plakat stand: „Grüne Liebe, Grüner Friede – Klimastreik JETZT – Danke für den Klimawandel“.

„Es ist hier viel schwieriger, aus der Schule auszubrechen, denn wir haben hohe Sicherheitsvorkehrungen“

Hat Sie dabei jemand unterstützt?

Ich stand dort stundenlang alleine. Und auch die nächsten Freitage war ich meist ganz allein. Erst seitdem die Sache mit dem Foto in Davos passiert ist, unterstützen mich nun auch Leute bei den Streiks, die ich gar nicht kenne. Wenn ich Freitags morgens auf twitter bekannt gebe, wo ich an diesem Tag streiken werde, stehen dort schon andere Leute mit Plakaten.

Sie waren jüngst in Spanien und in New York bei Klimaprotesten. Was erzählen Sie den Leuten auf diesen globalen Events über Uganda?

In Uganda wird mehr als ein Viertel des Bruttosozialprodukts in der Landwirtschaft erwirtschaftet. Der Klimawandel führt dazu, dass sich die Bauern nicht mehr auf die Regenzeiten verlassen können, und wenn es regnet, dann ist der Regen sehr stark. In Kampala sehen wir, dass Straßen überflutet werden, aber in manchen Gegenden des Landes führt der Regen zu Erdrutschen und schlimmeren Überschwemmungen. In anderen Regionen dagegen herrscht Dürre. Die Lebensmittelpreise werden mit dem Klimawandel ansteigen und nur noch die wohlhabenden Leute können sich dann gute Lebensmittel leisten. Es gibt heute schon Straßenkinder in Kampala, die fast alle aus Karamoja stammen im Nordosten des Landes, wo es so trocken ist.

Warum ist die Friday for Future Bewegung in Uganda nicht so groß geworden wie anderswo?

Für Jugendliche ist es hier viel schwieriger, aus der Schule auszubrechen, denn wir haben hohe Sicherheitsvorkehrungen an den Schultoren. Noch dazu drängen sich andere Probleme akut in den Vordergrund: Solange es keine Gesundheitsversorgung gibt, kämpfen viele jeden Tag ums Überleben und denken wenig an die Zukunft. Das ist das Problem in Afrika: Gerade die Menschen, die ohnehin schon unter den schlechtesten Bedingungen leben, werden vom Klimawandel am meisten betroffen sein. Ich denke, in Afrika brauchen wir keine „Fridays for Future“ Bewegung, sondern eine, die „Fridays for NOW“ heißt. Denn wir schauen dem Klimawandel bereits jeden Tag ins Gesicht.

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Die Erderwärmung bedroht uns alle. Die taz berichtet daher noch intensiver über die Klimakrise. Alle Texte zum Thema finden Sie unter taz.de/klimawandel.

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