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Klassenkampf auf der TheaterbühneNicht nur die Sessel sind rot

Olivier David ist in armen Verhältnissen groß geworden und hat darüber ein Buch geschrieben. Jetzt bringt er „Keine Aufstiegsgeschichte“ auf die Bühne.

Handstand zwischen Getränkekühlschränken und Warenregalen Foto: Timmo Schreiber/EDT

Ein ungewöhnlicher Anblick bietet sich dem Publikum des Hamburger Ernst Deutsch Theaters: Zwei junge Männer in Jogginganzügen rappen auf der Bühne und sind dabei alles andere als peinlich. Es wirkt wie ein echtes Deutschrap-Konzert: authentisch, ohne auf ein pseudo-akademisches Niveau überhöht zu sein, wie es bei anderen Inszenierungen zu beobachten ist. Das Einzige, was stört, sind die roten Samtsessel, in denen alle Be­su­che­r:in­nen sitzen bleiben müssen.

Die Zu­schaue­r:in­nen sehen ein Stück über den Autor Olivier David. Nach einer Kindheit in Armut, einem abgebrochenen Schulbesuch und einigen Gelegenheitsjobs entschließt sich der gebürtige Hamburger, erst Schauspieler und später Journalist zu werden. Sein Weg dorthin ist allerdings geprägt von Panikattacken und Depressionen. Sein Volontariat muss er aufgrund einer psychischen Erkrankung abbrechen. Er lebt ein halbes Jahr von Krankengeld – und schreibt ein Buch.

„Keine Aufstiegsgeschichte“ heißt das Memoir, das David 2022 veröffentlicht hat. Sein Credo: Armut macht in vielen Fällen psychisch krank, sei es durch ein nicht funktionierendes Elternhaus oder durch Ausgaben, die kaum zu stemmen sind. Zusammen mit Regisseur Marco Damghani und dem Ensemble des Ernst-Deutsch-Theaters hat David seine Geschichte nun auf die Bühne gebracht.

Kein Geld

Einfach nacherzählt wird diese allerdings nicht. Für die Theateradaption wurde die Thematik auf einen Tag komprimiert, an dem der Figur des Autors ein Preis verliehen wird, weil er es „aus der Gosse auf die Theaterbühne“ geschafft hat. Er sei ein Beispiel dafür, dass jeder es schaffen kann. Olivier David lehnt diese neoliberalen Ideale eigentlich ab, in seinem Fall könnten sie streng genommen aber sogar zutreffen: Nicht jeder hat das Privileg, seine Geschichte in einem Buch oder auf der Theaterbühne zu erzählen.

David ist sich dessen durchaus bewusst. Er verweist jedoch auf die prekären Verhältnisse, die auch in der Kulturbranche vorherrschen. Somit sei es zwar ein anderes Milieu, aber immer noch die gleiche Klasse, in der er sich verortet. „Wenn man wenig Geld hat, steht man auf derselben Seite“, sagte er dazu 2022 in einem Interview mit der taz.

Das Stück

„Keine Aufstiegsgeschichte“, Ernst-Deutsch-Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, Hamburg

Nächste Aufführungen: 10.3., 12.3., 13.3., 14.3., 15.3.

Auch im Theaterstück hat die Figur des Olivier kein Geld. Einen Anzug für die Preisverleihung oder ein Bahnticket kann er sich nicht leisten. Gleichzeitig leidet er an Depressionen, führt eine schwierige Beziehung zu seiner ebenfalls psychisch instabilen Mutter und fühlt sich von seiner Schwester im Stich gelassen. Die Beziehung zu seiner Freundin Maryam leidet unter seinen Problemen.

Sein Volontariat muss Olivier David aufgrund einer psychischen Erkrankung abbrechen. Er lebt ein halbes Jahr von Krankengeld – und schreibt ein Buch

Gezeigt wird all das in einem Videospiel-Setting. Ein klug gewähltes Bild, denn es vermittelt das Gefühl des Scheiterns und des Weitermachens trotz allem. Für seine „Quests“, seine Aufträge, stehen ihm fünf Leben zur Verfügung, die von fünf Schau­spie­le­r:in­nen verkörpert werden. Nach jedem „Game Over“ verkörpert eine neue Person die Figur des Olivier. Es ist kollektives Schauspiel.

Das Stück begleitet Olivier durch seinen aufreibenden Tag. Es ist dabei, wenn er seiner Mutter von seiner Depression erzählt, keinen Briefkasten findet, weil die Jugendgangs im Viertel alle abgefackelt haben, oder wenn er einen Portugalurlaub mit seinen reichen Freun­d:in­nen absagen muss, weil er sich diesen nicht leisten kann.

Klassenkampf durch und durch

Die wahren Höhepunkte der Inszenierung sind jedoch die Rap-Performances der Schauspieler José Barros Moncada und Oscar Hoppe. Sie bringen den kapitalismuskritischen Deutschrap des Hamburger Rappers Disarstar überzeugend und authentisch auf die Bühne und kreieren dadurch die intensivsten und aufrührerischsten Momente des Stücks. Dafür gab es sogar Lob von Disarstar persönlich auf Instagram.

Die Vorstellung endet mit einer improvisierten Dankesrede auf einer Preisverleihung, die sich jedoch ziemlich schnell in klassenkämpferischen Parolen verliert. Es wird gegen die Reichen gehetzt, die auf ihren Yachten sitzen, während die anderen im Wasser kaum den Kopf über Wasser halten können. Ein Bild des „Arm gegen Reich“, des „Wir gegen die“. Klassenkampf eben.

Dabei entsteht ein spannender Konflikt: Das Publikum des Ernst-Deutsch-Theaters ist trotz einer Neuausrichtung im letzten Jahr nach wie vor überwiegend dem gutsituierten Bürgertum zuzuordnen. Inwieweit sich Teile des Publikums auf Klassenkampf einigen können, ist nicht ganz ersichtlich. Der Großteil im Saal belohnte die Premieren-Aufführung im Februar jedoch mit Standing Ovations.

Dennoch bleibt es spannend, ob das Ernst Deutsch Theater zu einem Anlaufpunkt des „Proletariats“ werden kann. „Keine Aufstiegsgeschichte“ wirkt wie ein Stück, das sein Publikum erst noch finden muss. Seine Spielstätte setzt dafür bereits erste Anreize: Bis Ende März müssen Schüler:innen, Studierende oder Auszubildende nur so viel für den Eintritt zahlen, wie sie aufbringen können. Es scheint zumindest ein Anfang zu sein.

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