Kite-Surfen im Naturschutzgebiet

„Nicht unsere Spielwiese zerstören“

Wie viel Sport verträgt das Wattenmeer? In Kiel verhandeln Kitesurfer und Umweltminister Robert Habeck über eine Lösung für Natur und Freizeitspaß.

Noch dürfen Sportler in Schleswig-Holstein im Wattenmeer surfen - oder es zumindest versuchen. Foto: Malte Christians (dpa)

KIEL taz | Die junge Robbe war neugierig: „Sie steuerte auf uns zu, folgte uns, sogar das Board hat sie einmal zurückgebracht“, schreibt Hauke Hinz, Kitesurf-Trainer in einer mobilen Surfschule in St. Peter-Ording auf seiner Homepage. Das sei ein Tag gewesen, „der wohl allen in Erinnerung bleiben wird, den Schülern und der Robbe“.

Klar habe niemand den Heuler berührt oder gefüttert, beteuern die Surfer – dennoch deutet dieses Mensch-Seehund-Treffen auf einen Konflikt hin, der inzwischen die Politik in Kiel und Berlin beschäftigt: Wie viel Sport ist okay im Nationalpark Wattenmeer?

„Zurzeit haben wir eine Lage, in der es nur Verlierer gibt“, sagte der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck (Grüne) nach einem Gespräch mit rund 20 VertreterInnen verschiedener Kitesurf-Organisationen, Segelverbände und weiteren regionalen und bundesweiten Interessengruppen. Kiten kombiniert Windsurfen und Drachenfliegen. Die Sportler gleiten auf dem Board über die Wellen, das Segel hebt sie zu Luftsprüngen.

Der Sport liegt seit Jahren im Trend. Die Nordseeküste mit ihrer hohen Brandung ist ein ideales Revier. Allerdings steht das Wattenmeer unter Naturschutz, unter anderem wegen der Vögel, die hier auf ihren Wanderungen rasten. Werden sie aufgescheucht, futtern sie sich zu wenig Fettpolster an, um den Weiterflug ins Brutgebiet zu überstehen.

Lenkdrache zieht Boot – die Grundidee des Kitesurfens wurde im Verlauf der Seefahrtsgeschichte immer wieder getestet.

Die Geburtsstunde des heutigen Trendsports fällt in die 1970er-Jahre, als verschiedene Lenkdrachensysteme entstanden. Der Niederländer Gijsbertus Adrianus Panhuise meldete 1977 ein Patent für ein Sportgerät aus einem Surfbrett und einem Lenkdrachen an – rasch entwickelte sich eine weltweite Sportszene.

In Deutschland sind vor allem Reviere an Nord- und Ostsee für Kiter interessant. Darunter sind in Schleswig-Holstein die Strände auf Sylt und in St. Peter-Ording sowie in Mecklenburg-Vorpommern Warnemünde und die Insel Rügen.

Der Streit um den Sport im Watt schade allen Beteiligten, meint Habeck: „Die Umweltschützer stehen als Spaßbremsen da, die jeden Sport verbieten wollen – die Kitesurfer kommen in Verruf, keine Rücksicht auf die Natur zu nehmen.“ Dabei seien sich beide Seiten über die Sache einig: Streit gebe es vor allem über das Prinzip.

Um welches Prinzip es geht, erklärte Nadine Reimers vom regionalen Verein Board-Sport in St. Peter-Ording: „Für uns ist ein generelles Kitesport-Verbot nicht tragbar.“ Allerdings wäre ein Verbot aus Sicht der Verwaltung der juristisch sauberste Weg.

Es würde grundsätzlich für den ganzen Nationalpark Wattenmeer gelten und an einigen Stellen durch Ausnahmegenehmigungen gelockert werden. So ein Verbot hat Niedersachsen ausgesprochen: Um das Wattenmeer als Unesco-Weltnaturerbe zu schützen, und um Vögel und Robben nicht zu stören, „ist das Kitesurfen nicht gestattet.

„Auf Antrag der Gemeinden können jedoch Flächen dafür zugelassen werden“, heißt es für die niedersächsische Nordseeküste. Faktisch ist damit Kitesurfen erlaubt, aber die Verbände sind misstrauisch: „Wir wollen den Sport dauerhaft absichern, auch wenn die Verwaltung von einer anderen politischen Haltung bestimmt wird“, sagte Jürgen Vogt von der Global Kitesurf Association, einer Vereinigung mit Sitz in Deutschland.

Die Vielzahl von Vereinen und Verbänden rund um den Kitesport macht es für die Politik schwierig, die richtigen Gesprächspartner zu finden. In ihrem Nein zu einem Verbot sind sich Surftrainer, Seglerverbände und Profisportler aber einig. Gleichzeitig sagt Vogt zu, dass die Verbände und ihre Mitglieder die Naturschutzzonen achten und dafür sorgen werden, dass ortsfremde Kiter nicht in Vogelreviere oder Muschelbänke eindringen: „Wir wollen die Natur erhalten, schließlich wollen wir nicht unsere eigene Spielwiese kaputtmachen.“

Wo die Spielwiese endet und die Natur zu ihrem Recht kommen muss, hat das Nationalparkamt in Schleswig-Holstein in den vergangenen Monaten geklärt: Bei Gesprächen in Küstenorten kamen Naturschutz, Gemeinden und Sportler zusammen. Daraus entstanden vorläufige Karten verschiedener Nutzungszonen. Sie schließen die Orte ein, an denen schon heute gekitet wird. Das wäre also weder Verbesserung noch Verschlechterung, würde aber Rechtssicherheit herstellen.

Die Karte soll nun verfeinert werden, dann sind weitere Gespräche mit den Kite-Verbänden denkbar. Am Ende kann ein Antrag an das Bundesumweltministerium stehen, das für den Nationalpark zuständig ist. Mit einer schnellen Lösung rechnet Habeck nicht: „Der Bund ist Spitze darin, Anträge nicht zu bearbeiten.“

Dennoch gelte: Je einiger sich alle Seiten seien, desto wahrscheinlicher sei, dass der Bund am Ende zustimmt. Aber der Streit um den Status des Nationalparks zeigt bereits erste Folgen: Der Kitesurf World Cup, der zehn Jahre lang am Strand von St. Peter-Ording stattfand, wird 2016 nach Fehmarn verlegt.

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