Kirchen und Proteste in Belarus: Dem Regime ist nichts heilig

Nach der Blockade eines Gotteshauses durch Polizisten äußert der Bischof harsche Kritik. Die orthodoxe Kirche distanziert sich vom Regime.

Polizisten stehen vor der Kirche und blockieren die Eingangstür

Polizisten blockierten die Eingangstür der Kirche für mehr als 40 Minuten Foto: Dmitri Lovetsky/ap

KIEW taz | Sie prägt sich ein: die rote katholische Kirche in der belarussischen Hauptstadt Minsk, einen Steinwurf entfernt von Regierungssitz und Unabhängigkeitsplatz. Sie wurde am Mittwoch Schauplatz eines weiteren Konflikts mit den staatlichen Behörden.

Am Abend hatten sich wieder Hunderte auf dem Unabhängigkeitsplatz versammelt, um Neuwahlen, die Freilassung aller politischen Gefangenen und eine Bestrafung derer, die Gewalt an politischen Gefangenen zu verantworten haben, zu fordern.

Als es gegen Ende der Kundgebung auf dem wenig beleuchteten Platz dunkel wurde, strömte aus den Fenstern der katholischen Kirche des Heiligen Simon und der Heiligen Helena warmes Licht in Richtung Unabhängigkeitsplatz. Im Gebäude feierten katholische Gläubige einen Gottesdienst. Draußen nahm die Polizei 30 Personen fest. In dieser Situation flüchteten sich mehrere DemonstrantInnen in das Gotteshaus. Kurzerhand verschlossen Polizisten die Eingangstür und blockierten 40 Minuten lang die Kirche.

Noch am Abend meldete sich Juryj Kassabuzki, katholischer Weihbischof in Minsk-Mahiljou und Generalvikar zu Wort. „Die Blockade der Kirche widerspricht dem von der belarussischen Verfassung garantierten Recht auf Gewissens- und Glaubensfreiheit, sie beleidigt die Gefühle der Gläubigen und verlässt den Rahmen von menschlichen und göttlichen Gesetzen“, so der Weihbischof auf dem Portal catholic.by.

Katholische Kirche solidarisiert sich

Am Donnerstagmorgen gab der Vorsitzende der belarussischen Bischofskonferenz, Tadeusz Kondrusiewicz, seinen „entschiedenen Protest gegen die rechtswidrigen Handlungen“ zu Protokoll. „Das Blockieren der Eingänge einer Kirche ist eine grobe Verletzung der Rechte der Gläubigen und der Glaubensfreiheit“, so Kondrusiewicz. Derartige und weitere Handlungen der Sicherheitskräfte seien nicht geeignet, die Spannungen in der Gesellschaft zu mindern. Die katholische Kirche stehe jedenfalls für Versöhnung und Dialog.

Der Streit um die rote Kirche ist nicht der erste Konflikt zwischen Katholischer Kirche und belarussischem Staat. Sofort nach den ersten Verhaftungen von Personen, die gegen die Wahlfälschungen der Präsidentschaftswahl vom 9. August auf die Straße gegangen waren, hatte die Katholische Kirche die Regierung entschieden aufgefordert, die Gewalt zu beenden und die politischen Gefangenen freizulassen.

Die überwiegende Mehrheit der Belarussen sind Christen. Dies geht aus einer Anfang 2019 veröffentlichten Befragung durch das beim Präsidenten angesiedelte Zentrum für Information und Analyse (IAZ) hervor. Danach sind 84,5 Prozent orthodoxe Christen, 8 Prozent katholische Christen und 1,5 Prozent Protestanten.

Von staatlicher Seite werden die Religionen weitgehend gleich behandelt. So ist der 25. Dezember als katholischer Feiertag genauso arbeitsfrei wie der 7. Januar, an dem die orthodoxen Gläubigen Weihnachten feiern. In der gleichen Umfrage gaben 62 Prozent der Befragten an, dass sie gläubig seien. Einer der wenigen, die sich öffentlich als Atheist bezeichnen, ist Präsident Alexander Lukaschenko. Er sei „orthodoxer Atheist“, hatte er einmal verlauten lassen.

Kritik der Orthodoxen an Lukaschenko

Auch in der orthodoxen Kirche wird der Unmut über die Polizeigewalt immer lauter. Am Dienstag tagte unter Vorsitz von Patriarch Kirill I., dem Patriarchen von Moskau und Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche, eine Synode in Moskau.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche gilt in Russland als sehr regierungsnah. Die Synode hatte die Position der belarussischen orthodoxen Kirche als „friedensstiftend“ gelobt. Am 15. August hatte Pawel Saslawskij, russisch-orthodoxer Exarch von ganz Belarus und Metropolit von Minsk, von Präsident Lukaschenko ein Ende der Gewalt gefordert. Saslawskij hatte auch Demonstrant*innen, die von der Polizei misshandelt worden waren, in Kliniken besucht.

Wenige Stunden nach dem Lob der belarussischen Kirche durch die Russisch-Orthodoxe Kirche indes wurde Pawel Saslawskij in das russische Kuban versetzt. Vielleicht gibt es auch in der Russisch-Orthodoxen Kirche unterschiedliche Sichtweisen auf die Ereignisse in Belarus.

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Mehr Geschichten über das Leben in Belarus: In der Kolumne „Tagebuch aus Minsk“ berichten Janka Belarus und Olga Deksnis über stürmische Zeiten – auf Deutsch und auf Russisch.

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