Kinderpatenschaften und Kolonialismus: Das Versprechen von persönlicher Hilfe
Kinderpatenschaften sind für viele gelebte Solidarität – für andere ein Fundraising-Tool mit kolonialem Beigeschmack. Wie zeitgemäß ist das Konzept?
Als mit der Coronapandemie 2020 das öffentliche Leben zum Stillstand kam, entschied sich Larissa Mayr für eine Kinderpatenschaft. „Ich hatte Zeit, darüber nachzudenken, wie ich mich gesellschaftlich einbringen möchte“, sagt die 29-Jährige aus Kempten. Sie arbeitet in der Verwaltung eines Industrieunternehmens, engagiert sich ehrenamtlich und beschreibt sich als Christin.
Sie entschied sich für eine Patenschaft bei der Hilfsorganisation Plan International Deutschland. Zweimal im Jahr erhält sie Briefe, Fotos und Berichte aus Uganda. Sie selbst schickt zweimal im Jahr Post zurück an ihr Patenkind, ein zehnjähriges Mädchen. „Für mich war der Bezug zu einem einzelnen Kind wichtig und die Möglichkeit, es zu besuchen“, sagt sie. Ihr gefällt auch, dass ihr Geld der Gemeinschaft zugutekommt.
Das konnte sie bei ihren zwei Besuchen in Uganda selbst sehen. Plan International hat in der Gemeinde eine Schule mit drei Klassen und einen Brunnen gebaut. Die Organisation ermöglichte auch Treffen zwischen Mayr, dem Patenkind und dessen Mutter. Das Kind sei in ihre Arme gerannt, weil es Mayr von den Fotos erkannt habe, die sie geschickt hatte, erzählt sie.
Wie Mayr spenden Hunderttausende Menschen in Deutschland über Kinderpatenschaften. Genaue Statistiken gibt es nicht. Allein Plan International Deutschland zählt rund 370.000 Pat*innen. Auch World Vision und die Kindernothilfe zählen zu den großen Anbietern.
Schon im Ersten Weltkrieg vermittelten Hilfswerke Patenschaften für Kinder in europäischen Kriegsgebieten. Ab den 1960er Jahren verlagerte sich der Fokus in Länder des Globalen Südens. In den 1970ern wurde Kritik laut: Das Modell individualisiere strukturelle Probleme und schaffe Abhängigkeiten.
Die großen Organisationen reagierten. Heute fließt das Geld meist in Gemeinwesenprojekte – Schulen, Gesundheitsstationen, Einkommensprogramme. Die Gemeinschaft entscheidet, welche Projekte gebraucht werden. Das Patenkind bleibt persönlicher Anker, doch profitieren soll die ganze Gemeinde.
Nicht erlaubt: „Katalogähnliche Auswahl“
Trotzdem bleibt die Kritik, dass Kinder zum Fundraising instrumentalisiert werden, dass die Patenschaften koloniale Denkmuster reproduzieren: hier die gutmeinenden Helfer, dort die dankbaren Bedürftigen. ActionAid kündigte Anfang des Jahres an, sein projektbezogenes Patenschaftsmodell „weiterzuentwickeln“. Co-Geschäftsführerin Taahra Ghazi sprach im <i>Guardia</i><i>n</i> von einer „transaktionalen und paternalistischen Beziehung“, die in eine andere Zeit gehöre.
Save the Children USA beendete 2024 direkte Patenschaften, weil Familien, bedingt durch extreme Wetterereignisse und Konflikte, häufiger migrieren müssen. Zudem hätten Patenschaften Ungleichheiten innerhalb von Gemeinden erzeugt.
In der Schweiz verweigert die Stiftung Zewo Organisationen mit Einzelpatenschaften das Spendensiegel. Projektbezogene Kinderpatenschaften sind möglich – jedoch ohne direkten Kontakt. In Deutschland vergibt das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) das Spendensiegel.
Um es zu erhalten, müssen Hilfsorganisationen klarstellen, ob Kinder direkt von den Spenden profitieren oder indirekt – also über Projekte. Jede Kommunikation zwischen Pat*innen und Kind muss über die Organisation laufen. Nicht erlaubt ist „eine katalogähnliche Auswahl oder ein willkürlicher ‚Tausch‘ von zu unterstützenden Einzelpersonen“.
Auf manchen Webseiten sieht es allerdings sehr katalogähnlich aus. In einem Reiter können Geschlecht und Land des Kindes ausgewählt werden. Bei World Vision auch das Alter. Ein Mädchen aus Mali, 3 Jahre, wird mit Foto und Vornamen gezeigt. Ab dem dritten Kind werden keine Fotos mehr angezeigt.
„Ein gutes Modell für Solidarität weltweit“
Auf Nachfrage erklärt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des DZI, durch die Beschränkung der öffentlich sichtbaren Fotos liege keine katalogähnliche Auswahl vor. So sieht es auch Frank Schättiger-Heyer von Plan International. Zudem sei ein Foto hilfreich für Interessent*innen. „Diese lassen sich auf eine lange ‚Reise‘ ein, die ihnen in dem Moment der Übernahme einer Patenschaft noch unbekannt ist“, erklärt er.
Unstrittig ist: Patenschaften sind ein starkes Fundraising-Instrument. Sie binden Spender*innen emotional und sichern langfristige Einnahmen. Der Mindestbetrag liegt bei den großen Hilfsorganisationen zwischen 28 und 39 Euro monatlich. Bei World Vision Deutschland flossen 2024 rund 94,5 Millionen Euro über Patenschaften, bei Plan International Deutschland waren es 124 Millionen Euro – die Hälfte der Gesamteinnahmen. Direkte Projektspenden machten dagegen nur 16 Prozent der Einnahmen aus.
Gleichzeitig sind Kinderpatenschaften mit Aufwand verbunden. Zum Schutz der Kinder werden die Briefe der Pat*innen gelesen, die Kinder werden jährlich interviewt. Die Organisationen prüfen, ob sie in die Schule gehen und medizinisch versorgt sind.
Bei Plan International in Hamburg verwalten rund 60 Vollzeitstellen die Patenschaften, 18 Mitarbeitende betreuen Telefon und E-Mail. Der Verwaltungs- und Werbeanteil von rund 16 Prozent ist im Vergleich mit Hilfsorganisationen ohne Kinderpatenschaften allerdings gleichauf – und liegt unterhalb der vom DZI gesetzten 30-Prozent-Grenze.
Sophie Fichtner spricht in der neuen Folge Reingehen mit Manuela Heim über das Konzept und die Entstehung der Feministaz.
Frank Schättiger-Heyer leitet seit 27 Jahren die Patenschafts- und Spendenbetreuung bei Plan International Deutschland. Für ihn sind die Patenschaften kein Fundraising-Tool: „Sie sind ein gutes Modell, um Solidarität weltweit zeigen zu können. Es lebt davon, dass zwei Parteien zusammenkommen und voneinander erfahren“. Ein Machtgefälle sehe er nicht. In den Briefen lese er keine paternalistische Haltung. Im Gegenteil: Patinnen und Paten entwickelten sich weiter, öffneten sich für Themen.
Und auch die Patin Larissa Mayr glaubt an positive Effekte auf beiden Seiten. Die Patenschaften stärkten das Selbstwertgefühl des Kindes, es wisse: „da gibt es jemanden, dem ich wichtig bin“. Außerdem seien die Sicherheitsstandards hoch, um die Kinder zu schützen. Sie selbst habe einige Seiten Schutzbestimmungen unterschrieben, bevor sie das Kind treffen konnte.
Eine Untersuchung der RMIT-Universität in Melbourne im Auftrag von Plan International zeigt, dass Kinder in Patenschaften bessere Bildungs- und Berufschancen haben. Auch Raquel Gavilanes sagt, die Patenschaft habe ihr andere Welten und Möglichkeiten eröffnet. Die 45-jährige Ecuadorianerin wurde Patenkind bei Plan International, als sie 4 oder 5 Jahre alt war.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Ihr Gesicht strahlt, wenn sie davon erzählt: „Ich erinnere mich mit großer Freude daran.“ Noch heute weiß sie, wie aufgeregt sie war, Briefe und Geschenke aus den USA zu erhalten, etwa duftende Sticker. Später arbeitete sie ehrenamtlich für Plan International Ecuador. Mittlerweile leitet Gavilanes die Katastrophenhilfe dort. „Die Patenschaft hat mich motiviert, in diesem Bereich tätig zu sein“, sagt sie.
Die Hilfsorganisationen sind sich der Kritik am System bewusst und passen ihre Regeln immer wieder an. So haben einige die direkte Kommunikation zwischen Pat*innen und Kindern eingestellt. Andere lassen Spender*innen die Kinder nicht mehr auswählen, auch nicht deren Geschlecht, Alter oder Herkunft. Bei World Vision in Großbritannien dürfen die Kinder ihre Pat*innen auswählen.
Schättiger-Heyer will in Zukunft Informationsmaterial für Pat*innen zum Thema Rassismus und Machtverhältnisse bereitstellen. Um die Ungleichheit zwischen Kindern in der Gemeinde aufzufangen, will er zudem vorschreiben, dass Geschenke immer zweimal vorhanden sein müssen. Eins für das Patenkind und eins für die Gemeinschaft, etwa die Kita im Ort.
Das System Kinderpatenschaft bleibt in einer neokolonialen, bis heute von extremen finanziellen Machtgefällen geprägten Welt ambivalent. Die großen Fragen müssen in ihm immer wieder neu verhandelt werden: Wie sehr empowern die Patenschaften die Kinder? Welche Bilder und Narrative reproduzieren sie? Und wie solidarisch fühlen sie sich an: für die Kinder, die Familien und die Gemeinden?
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