Kinder fragen, die taz antwortet: Warum bin ich ich?

Wir wollen von Kindern wissen, welche Fragen sie beschäftigen. Diese Frage kommt von Yola, 6 Jahre alt.

Eine Animation zeigt zwei menschenähnliche Gestalten um diese herum befinden sich größere Gestalten

Szene aus Soul: Was ist die Seele und der Sinn des Lebens? Foto: Walt Disney Pictures/Pixar/imago

Liebe Yola, das ist die schwierigste Frage, die uns je ein Kind geschickt hat. Und ich muss zugeben: Auf Anhieb weiß ich keine Antwort. Doch ich werde alles tun, eine zu finden.

Vorher möchte ich dir aber sagen, dass ich deine Frage, warum du ausgerechnet du bist und nicht etwa deine Schwester, gut nachvollziehen kann. Ich erinnere mich noch, wie ich mich als Grundschülerin fragte: Wieso bin ich in meinem Körper geboren und nicht in dem von unserem Hund Leo? Dann müsste ich keine Hausaufgaben machen, sondern würde den ganzen Tag schlafen und mich von Menschen kraulen lassen. Auf die Antwort bin ich also so gespannt wie du.

Auf meiner Suche stoße ich auf den Pixar-Film „Soul“. (Falls du ihn noch nicht gesehen hast, kann ich ihn dir nur empfehlen.) Darin geht es um das „Davorseits“ – einen Ort, an dem ungeborene Seelen ihre Persönlichkeiten erhalten, bevor sie auf die Erde kommen. Durch den Film wird mir klar, dass ich die Bewohnerin meines Körpers bin – nicht mein Körper selbst. Aber stimmt das auch?

Ich rufe Gottfried Vosgerau an, er ist Professor für Philosophie an der Uni Düsseldorf. Er führt Gedankenexperimente mit mir durch. Zuerst soll ich mir vorstellen, dass du, liebe Yola, in dem Körper deiner Schwester aufwachst, also ganz anders aussiehst. „Ist Yola dann trotzdem noch Yola?“, fragt mich der Professor. „Ja“, sage ich.

Dann soll ich mir vorstellen, dass du im Körper deiner Schwester aufwachst, dich aber an nichts mehr erinnern kannst, was du bisher erlebt hast. Stattdessen hast du alle Erinnerungen deiner Schwester im Kopf. „Ist Yola dann trotzdem noch Yola?“, fragt mich Vosgerau wieder. Diesmal antworte ich: „Nein, dann ist Yola nicht mehr Yola, sondern ihre Schwester.“ So wie ich würden die meisten Menschen antworten, sagt er. „Bei der Frage nach dem Ich scheint der Körper keine wesentliche Rolle zu spielen. Es geht vielmehr um die Erinnerungen und das Erleben.“

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Aber ist es reiner Zufall, in welchen Körper wir hineingeboren werden? Hätte Yola nicht auch im Körper ihrer Schwester zur Welt kommen können? „Diese Frage setzt voraus, dass es den Geist schon gibt, bevor er in den Körper kommt. Dem würde ich nicht zustimmen“, sagt der Professor. Seiner Meinung nach entstünden Geist und Körper zusammen. Niemand bleibe von Geburt an dieselbe Person. „Mit jeder Erfahrung verändern wir uns, gewinnen neue Erinnerungen hinzu“, sagt er. Leider könne man die Frage „Warum bin ich ich und nicht jemand anders?“ nicht mit Experimenten erforschen. Denn es gebe keine Möglichkeit, einen Personentausch auszuprobieren.

Hast Du auch eine Frage? Schreib an kinderfragen@taz.de

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de