Karl-Hofer-Retrospektive in Halle: Wichtig, doch unscharf
Karl Hofer vertrat über die Diktaturen hinweg eine eigenständige, moderne Malerei. Eine Ausstellung in Halle wird ihm nur teilweise gerecht.
Karl Hofer gilt zu Recht als bedeutender Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Mit einem eigenen, expressiv-klassizistischen Stil war er schon zu Zeiten des Kaiserreichs ein Exponent der Modernebewegung. Gut, dass ihm die Moritzburg Halle mit „Karl Hofer. Zwischen Schönheit und Wahrheit“ eine umfangreiche Ausstellung ausrichtet. Und schade, dass die Schau trotzdem an einer tragischen Stelle seiner Biografie unscharf bleibt.
Hofer, 1878 im Großherzogtum Baden geboren, war der deutschen Kunsttradition verbunden, aber nie Nationalist. Ausgebildet an der Karlsruher und der Stuttgarter Akademie, zog es ihn für mehrere Jahre nach Rom und Paris, in die damalige Kunstmetropole Europas.
In seinen Porträts oder Landschaftsbildern ging es ihm um die Wahrnehmung seiner Umwelt, er malte Menschen im geselligen Gespräch am Tisch, beim Kartenspiel oder Figuren in schweigender Haltung.
Karl Hofer: „Zwischen Schönheit und Wahrheit“. Moritzburg Halle, bis 15. Februar. Ab 11. April im Schloss Achberg, Ravensburg, danach weitere Stationen. Katalog (E. A. Seemann Verlag): 40 Euro
Seine expressive Bildsprache, die scharf umrissenen Körpersilhouetten, die schattigen Augenhöhlen vieler Figuren, die erdig angetönten Farben behält er über die unterschiedlichen politischen Zeitgenossenschaften hinweg bei.
Subtile Arbeit am Menschenbild
1920 wurde er an die Berliner Kunsthochschule berufen. Als öffentlich bekennender Gegner der Nazis wie als expressiver Maler musste er mit dem Machtwechsel schon in der ersten „Säuberungswelle“ im April 1933 seine Lehrtätigkeit beenden.
Erst 1945, nach Kriegsende, kehrte er in die Lehre zurück, erhielt den Ruf als Direktor der Hochschule der bildenden Künste Berlin. Diese richtete er in den Nachkriegsjahren ganz auf die als unbelastet geltenden Künstler der Moderne aus. Subtil versuchte Hofer in seiner Kunst am Menschenbild zu arbeiten. So indem er Motive immer wieder neu aufnahm und im veränderten Zeitkontext variierte.
Seinen nächtlichen „Rufer“ von 1924 malte er in ganz ähnlicher Weise 1935 neu. Nun aber stand das Gemälde in Spannung zu den Grenzsetzungen des ästhetischen Akademismus, der vielen Nazis das Mittel einer „deutschen Kunst“ war. Hofer blieb ein eigenständig Moderner.
Wie Hofer trotz der sich ändernden Bedingungen durch die nationalsozialistische Kunstpolitik eine eigene künstlerische Haltung bewahrte, reflektiert die Ausstellung nicht. Als sein Berliner Atelier 1943 mit der dort gelagerten Kunst abbrannte, erarbeitete er noch während des Kriegs neue Fassungen seiner Gemälde.
Sein Bild „Böse Nacht“ von 1946, das eine Landschaft mit Ruinen und bedrohlichen, wolfsähnlichen Raubtieren zeigt, muss man wohl als dunkles Sinnbild für seine Gefühlsverfassung während der Nazi-Herrschaft und in der Nachkriegszeit deuten.
Schwierig wird es, wenn der Katalog zur Ausstellung eine tragische Stelle in Hofers Biografie zu sehr vereinfacht und ihm Schuld an der Ermordung seiner ersten Frau durch die Nazis zuschreibt. Seit 1903 war er mit der Sängerin Mathilda Scheinberger verheiratet, sie hatten drei Kinder. Einvernehmlich trennten sich die beiden Mitte der 1920er Jahre. Sie stammte aus einer protestantisch assimilierten Familie jüdischer Herkunft.
Um eine neue Beziehung Karl Hofers in „wilder Ehe“ zu legalisieren, bat er 1931 und 1933 Mathilda vergeblich um Scheidung. Unterdessen engte ihn die NS-Kunstpolitik zunehmend ein. Die Ausstellung „Entartete Kunst“ zeigte 1937 neun von Hofers Werken, weitere 311 hatte man aus staatlichen Sammlungen geholt, um sie in der Schweiz zu verkaufen.
Die erste Ehefrau wird in Auschwitz ermordet
Hofer drohte das Ende seiner Berufstätigkeit als bildender Künstler. Nachdem er neue Arbeiten eingereicht hatte, bekam er 1938 von einer Künstlerkommission der Reichskammer der bildenden Künste seine Zugehörigkeit zur „deutschen Kunst“ anerkannt. Im selben Jahr willigte Mathilda in die Scheidung ein. Unmittelbar danach heiratete Hofer seine zweite Frau Elisabeth Schmidt.
Mathilda Scheinberger hingegen, in der deutschen Gesellschaft als „nicht-arisch“ ausgegrenzt, sah sich zur Auswanderung gezwungen. Vergeblich hoffte sie auf eine Einladung durch das Museum in Pittsburg, um in den USA eine neue Existenz als Musikerin beginnen zu können. Warum ihre Bitte dort abgelehnt wurde, ist unerforscht. Sie wurde 1942 in Auschwitz ermordet.
Kann man Hofer vorwerfen, dass er diese furchtbare Entwicklung im Jahr 1938 nicht vorhergesehen hatte? Erst im November 1941, mit dem Kriegseintritt der USA, entschied Hitler die systematische Vernichtung aller europäischen Juden einzuleiten, das hat der Historiker Hans Mommsen in den 2000ern präzise erforscht.
Diese unheilvolle Verstrickung von Beruflichem und Privatem im Leben Hofers genauer darzustellen, unterlässt der Katalog. Stattdessen verlässt er sich auf einfache Schuldzuweisungen mit dem Wissen im Nachhinein.
Seine Rolle im geteilten Deutschland
„Karl Hofer. Zwischen Schönheit und Wahrheit“ ist trotzdem eine eindrucksvolle Ausstellung. Sie arbeitet zwar weniger die ästhetische Eigenständigkeit Hofers heraus, die er über die Zeiten und politischen Regime hinweg behalten hat, dafür aber sehr wohl seine Rolle im geteilten Deutschland.
Für einige Künstler in Halle galt er in den ersten Nachkriegsjahren noch als Vorbild. In der Formalismusdebatte der 1950er Jahre in der DDR wurde er mit dem Etikett eines „bürgerlichen Künstlers“ ausgegrenzt und nicht mehr ausgestellt. Erst zum 100. Geburtstag 1978 erhielt der Maler wieder eine große Retrospektive, in Halle ebenso wie in Westberlin.
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