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Kann man Glück lernen?

Es steht schlecht um die psychische Gesundheit von Schüler*innen. Einige Hundert Schulen in Deutschland probieren einen konkreten Schritt dagegen aus: Sie haben das Fach „Glück“ eingeführt

Was tut mir gut, und warum? Kinder an der Berliner Berthold-Otto-Schule, die sich eine Glücksschule nennt

Aus Berlin Katharina Federl (Text) und Doro Zinn (Fotos)

Theos Hund macht glücklich. Da sind sich die 13 Fünft­kläss­le­r*in­nen der Berliner Berthold-Otto-Schule einig. Dicht gedrängt stehen sie in der Mitte ihres Klassenzimmers und rufen aufgeregt durcheinander. Die Spiel­regeln an diesem Donnerstagnachmittag sind einfach: Alle stehen im Kreis, wer einer Aussage zustimmt, macht ein paar Schritte in Richtung Mitte. „Was macht ihr als Klasse gerne?“, hatte ihre Lehrerin Ulrike Kunze zuvor gefragt. Kletterfangen, also Fangen auf dem Klettergerüst, Draußensein und Videospiele waren hoch im Kurs. „Und was macht dich persönlich so richtig glücklich?“, lautete die nächste Frage. Entspannen, Sammelkarten, Fußball. Aber für nichts gibt es so viel Zuspruch wie für Theos Hund.

Die Berthold-Otto-Schule, eine staatlich anerkannte Privatschule in einer wohlhabenden Gegend im Westen Berlins, nennt sich seit 2023 „Glücksschule“. Ulrike Kunze, eigentlich Lehrerin für Deutsch und Gesellschaftslehre, und eine weitere Kollegin wurden von einem darauf spezialisierten Institut zu sogenannten Glückslehrkräften ausgebildet. Zwei Stunden pro Woche sind in der Grund- und Oberschule für das Fach „Glück“ reserviert, unterrichtet wird es in der dritten, fünften und siebten Klasse.

Ob seelische Gesundheit mehr Platz im Lehrplan braucht, ist keine Frage, die sich nur an Privatschulen mit besserverdienender Elternschaft stellt. Dutzende Studien bestätigen, dass psychische Herausforderungen unter Kindern und Jugendlichen zunehmen. Die meisten der mehreren Hundert Schulen, die Glück als Wahlfach oder Arbeitsgemeinschaft anbieten, sind staatlich.

Initiiert wurde das Fach 2007 von Ernst Fritz-Schubert, damals Direktor einer Heidelberger Schule. Seine Beobachtung: Klassischer, leistungsorientierter Unterricht habe die Frage aus dem Blick verloren, wie es den Kindern eigentlich gehe. Und was Schule dafür tun kann, damit sie sich wohler fühlen. Er gründete 2009 das Fritz-Schubert-Institut in Heidelberg, das Methoden zur Persönlichkeitsforschung erforscht und Seminare und Fortbildungen zum Thema gibt. Mehr als 5.000 Leh­re­r*in­nen wurden dort schon zu Glückslehrkräften ausgebildet.

Kann man Glück also lernen? Und falls ja: Haben Schulen die Aufgabe, es Kindern beizubringen?

Dass Hunde glücklich machen, denken an der Berthold-Otto-Schule nicht nur die Fünftklässler*innen. Im Flur der Schule hängen Fotos der Schulhunde Matti und Smilla. „Seelentröster“ steht daneben. Auch die Grundsätze für den Unterricht kann man auf großen Tafeln an der Wand lesen: Angstfrei. Fächerübergreifend. Alltagsbezogen. Draußen toben Kinder auf einem weitläufigen Hof, der an einen kleinen Wald grenzt. Es gibt Fußballtore, einen Kiosk, den die Schü­le­r*in­nen selbst betreiben, und eine Bühne, auf der Theateraufführungen stattfinden. Zwischen Blumenbeeten liegt ein Klassenzimmer im Freien, wenige Meter daneben führt eine Treppe hinunter in die Holzwerkstatt. Ein Schulplatz hier kostet 220 Euro im Monat, für einkommensschwächere Familien reduziert sich der Beitrag auf 98 Euro, in Einzelfällen zahlen auch die Jugendämter.

Die pädagogischen Prinzipien gehen auf Berthold Otto zurück, den Gründer und langjährigen Leiter der Schule. Sein Ansatz: Unterricht solle sich an den Fragen der Kinder orientieren und die Gemeinschaft fördern. „Der Glücksunterricht passt da ziemlich perfekt ins Konzept“, sagt Maike Szymanowski, die das Fach an der Schule auch unterrichtet. Wichtig sei ihr, den Kindern Raum zu geben, sich mit sich selbst, ihren Gefühlen und der Gruppe zu beschäftigen.

Wir neigen dazu, negative Gefühle stärker zu gewichten als positive

Wie der Glücksunterricht konkret aussieht, hängt von der Jahrgangsstufe und auch von der Stimmung der Schü­le­r*in­nen ab. Einen festen Lehrplan oder benotete Prüfungen wie in anderen Fächern gibt es nicht. „Niemand soll mit Leistungen trumpfen müssen“, sagt Maike Szymanowski. Es geht um das Miteinander. Häufig entscheidet sie spontan, welchen Themen sie wie viel Raum gibt. Wenn etwa Mobbing in einer Klasse auftritt, dient der Glücksunterricht als Rahmen für Gespräche. Wenn draußen zehn Zentimeter Schnee liegen und die Schü­le­r*in­nen schon in der Pause begonnen haben, gemeinsam ein Iglu zu bauen, dann dürfen sie im Glücksunterricht damit weitermachen.

Im Zentrum steht die Entwicklung sogenannter Lebenskompetenzen. Jüngere Schü­le­r*in­nen sollen lernen, achtsam zu sein, beschäftigen sich etwa mit Geräuschen und Geschmäckern und fragen sich, was ihnen und der Gemeinschaft guttut und warum. Ältere lernen verschiedene Gefühle zu benennen und zu verstehen, auch unangenehme wie Wut oder Trauer. „Wut ist wichtig, weil es uns zeigt, dass eine Grenze überschritten wurde“, sagt Szymanowski. Selbst ihre Dritt­kläss­le­r*in­nen wüssten das schon ganz genau. Im Glücksunterricht solle man solche Gefühle nicht loswerden, sondern lernen, wie man mit ihnen umgehen kann.

Das Institut in Heidelberg, das den Glücksunterricht initiiert hat, und sein Gründer Ernst Fritz-Schubert polarisierten von Anfang an mit ihrem Ansatz. Er sei esoterisch, gutgläubig, und seine Konzepte ließen sich nur in privilegierten Kontexten umsetzen, entgegnen einige Lehrkräfte, Bil­dungs­for­sche­r*in­nen und Psycholog*innen. Auch bezweifelt so manche Kritikerin, dass Lehrkräfte ausreichend auf die Themen vorbereitet seien, mit denen die Schü­le­r*in­nen sie konfrontieren könnten. Religionspädagogin Simone Hiller etwa kritisiert, das Konzept sei zu individualistisch gedacht.

Fotos: Doro Zinn

Viele andere Ex­per­t*in­nen unterstützten Fritz-Schuberts Theorien, so auch Alex Bertrams, Professor für Pädagogische Psychologie, der bereits 2011 in einer Studie mit mehr als 100 Schü­le­r*in­nen zu dem Ergebnis kam, dass sich das subjektive Wohlbefinden der Kontrollgruppe nach einem Jahr Glücks­unterricht deutlich gesteigert habe.

„So, meine Lieben, den ganzen Kladderadatsch machen wir ja nicht umsonst!“, sagt Ulrike Kunze und klatscht einmal in die Hände. Die Kinder rufen laut durcheinander, in anderen Klassenzimmern hätte so mancher Schüler wahrscheinlich schon eine Strafarbeit bekommen. Kunze ermahnt sie nicht und steigt stattdessen häufig in die Gespräche der Kinder ein. Zum Beispiel als die Klasse heiß diskutiert, ob Hertha BSC oder Union Berlin nun die bessere Mannschaft sei. „Ganz klar Union“, sagt Kunze und grinst.

Vorne an der Tafel bringt sie den sogenannten Klassenglücksbaum an. Auf ausgeschnittene Papierherzen schreibt sie, bei welchen genannten Aktivitäten und Dingen die Kinder besonders euphorisch wären, und heftet sie nach und nach an den Baum. Solche Übungen sollen die Aufmerksamkeit gezielt auf positive und stärkende Erfahrungen lenken, erklärt sie später.

Die Neigung, negative Erlebnisse und Gefühle stärker zu gewichten als positive, heißt in der Forschung Negativity Bias. Zugleich legen Studien aus der Positiven Psychologie nahe, dass bewusst wahrgenommene positive Erfahrungen einen großen Einfluss auf die sozia­le Entwicklung haben können. Schulen wie die australische Geelong Grammar School integrieren solche Ansätze deshalb seit Jahren systematisch in ihren Unterricht. „Flourishing“ nennen sie ihr Konzept, auf Deutsch: „Gedeihen“. In einer australischen Studie mit über 1.000 Teilnehmenden wurde festgestellt, dass die mentale Gesundheit im Jugendalter mehr als ein Jahrzehnt später noch Einfluss hat. Und das nicht nur auf individuelle Faktoren wie beruflichen Aufstieg, sondern auch auf gemeinschaftliche wie ehrenamtliches Engagement.

Dass es bei Glück um Selbst­optimierung gehe, ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Der Vorwurf: Wer Menschen zu optimal ausbalancierten Individuen erzieht, die unter allen Umständen ausgeglichen und zufrieden sind, schafft eigentlich nur sich perfekt drehende Rädchen für den Kapitalismus – Leute, die sich auf sich selbst statt auf die gesellschaftlichen Umstände konzentrieren.

Das Gefühl von Zugehörigkeit ist wichtig für das persönliche Glück

„Es geht explizit nicht darum, mit Dankbarkeit oder toxischer Positivität eine Depression zu heilen“, sagt Gina Schöler. Die Kommunika­tionsdesignerin hat 2012 das „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ gegründet. Ein Bildungsprojekt, das Erkenntnisse aus der Glücksforschung in Workshops, Kampagnen und andere Formate übersetzt. Ziel ist es, Menschen dazu anzuregen, sich mit ihrer mentalen Gesundheit auseinanderzusetzen.

Dafür hat sie eine Art Leitprinzip entwickelt, das sie „Akzeptanz und Aktionismus“ nennt. Negative Gefühle oder Probleme sollten immer ernst genommen werden und es gehe nicht darum, sie loszuwerden. Stattdessen lautet die Frage: Wie kann ich positiver in die Welt hinein wirken? Und was gibt mir dafür Kraft und Energie? Worin sich Forschung und Praxis einig sind: Soziale Gemeinschaften und Beziehungen sind die wichtigsten Faktoren für dieses Gleichgewicht.

Zurück im Klassenzimmer verschwimmen gegen Ende des Spiels zunehmend die beiden Fragen des Nachmittags: Was mögen wir als Klasse? Und was macht mich selbst glücklich? Für viele Fünft­kläss­le­r*in­nen scheinen sie eng miteinander zusammenzuhängen. „Graffiti“ schlägt ein Kind vor. Einige Mit­schü­le­r*in­nen machen Schritte nach vorne, Paul bleibt stehen. „Aber du hast doch sogar einen Graffiti-Pulli an, du magst das doch!“, sagt eine Mitschülerin empört. Paul guckt den bunten Schriftzug auf seinem Pulli an, fängt an zu schmunzeln und sagt dann: „Ja, du hast schon recht.“ Was Glück bedeutet, darauf kommt man eben nicht immer allein.

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