Kanadisches Elektro-Kollektiv Moonshine: Ganz selbstverständlich zusammenfließen
Das Moonshine-Kollektiv aus Montreal bringt neueste Elektroniksounds aus Afrika, Nordamerika und Europa mit rauschenden Partys auf den Dancefloor.
Foto: Marceus Schael
Vor der Kontaktaufnahme mit Moonshine muss man sicherstellen, dass ein Mensch und kein KI-Chatbot auf die Anfrage antwortet. Stunden später, ein Rückruf von einer anderen Nummer: Mitglieder vom Moonshine-Kollektiv sind in der Leitung. Auf die Frage ob Moonshine Partys veranstaltet, antwortet Hervé Kalongo: „Wir veranstalten nicht einfach Partys, wir kreieren künstlerische Welten.“
Wer verstehen will, warum das kanadische Kollektiv Moonshine in den letzten zehn Jahren zu einem der wichtigsten Namen der weltweiten Klubkultur geworden ist, muss nach Montreal schauen. Von dort aus bespielt Moonshine die Tanzflächen in aller Welt und weicht stilistische Grenzen auf, verschmelzt sie oder bringt sie vollständig zum Verschwinden. Nicht nur musikalische Barrieren fallen, auch nationale und geografische Grenzen überwindet ihre Musik.
Moonshine gründete ursprünglich der Sänger und DJ Pierre Kwenders 2014 in Montreal. Heute besteht der Kern des Kollektivs aus sieben Personen. Darunter der künstlerische Leiter Hervé Kalongo und die DJ San Farafina. Beide sitzen zusammen mit Kwenders am Telefon. Gefestigt hat sich Moonshine durch Freundschaften in WG-Küchen und bei illegalen Raves in den Lagerhäusern von Montreal.
Spitzname Coltan
Man teilte das Gefühl, dass der lokalen Klubszene etwas fehlte: „Es fehlte vor allem die Offenheit“, sagt Kwenders. „Ein Raum, in dem Leute wie wir sich frei entfalten können“, fügt Kalongo hinzu, dessen Spitzname „Coltan“ ist, wie der im Kongo umkämpfte Rohstoff, der für die Herstellung von Smartphones benötigt wird.
Moonshine live, 3. Juli 2026, „Golden Pudel Club“ in Hamburg
Die Mehrheit von Moonshine sind Kinder kongolesischer Einwanderer oder selbst noch im Kongo geboren, wie Gründer Pierre Kwenders. Doch die Musik von zu Hause und der alten Heimat spielte in Montreal zunächst nur eine Nebenrolle: kongolesischer Rumba, auch Rumba Lingala genannt, Coupé-Décalé aus Cote D'Ivoire und südafrikanischer House, wie Kwaito. Stattdessen lief überall dieselbe Musik, erinnert sich Kalongo.
„Also haben wir einen musikalischen Ort erschaffen, der sich wie Zuhause anfühlt und an dem andere genau diesen Sound entdecken können“, sagt Kwenders, der als Teenager von Kinshasa nach Montreal kam. Damit meint Kwenders Dancefloorklubs. Und aus dem Mut zur Lücke entwickelte sich Moonshine bald zu etwas Größerem.
Immer zu Vollmond
Die Partys fanden zunächst immer am ersten Samstag im Monat nach Vollmond statt. Uhrzeit und Location wurden per SMS bekanntgegeben. Diesen Zweck erfüllt inzwischen ein Chatbot. Bei den Partys laufen Filme, es gibt Kunstperformances, Merchandise. So wurde Moonshine zu dem kreativen Kollektiv, dass es heute ist.
Schnell wurde Moonshine über Kanada hinaus bekannt. Inzwischen veranstaltet das Kollektiv Konzerte in Europa, Afrika und Nordamerika, veröffentlicht Musik und entwirft eigene Kleidung. Was Moonshine eigentlich ist? Die Antwort fällt knapp aus: „Ein Kollektiv“.
Eine Klubnacht von Moonshine wirkt wie ein ständiger Temperaturwechsel: Mal glitzernder Pop, mal schwere Drums, mal sprunghafter Jersey Club, dann wieder rhythmische Gitarrenläufe, oder hektische Footwork-Beats oder blubbernder Amapiano, Madonna läuft mit Papa Wemba, Crystal Waters mit Awilo Longomba. Woanders wäre es ein Stilbruch, bei Moonshine ergibt es einen ständigen Puls.
Vielfalt im Mix wirkt sich positiv aus. Wie selbstverständlich fließen bei Moonshine elektronische Dancefloorgenres zusammen. „Das ist einfach unsere Identität“, sagt San Farafina, die eigentlich aus Paris kommt. „Wir bilden einfach nur ab, wer wir sind.“
Vielleicht erklärt genau das, warum Moonshine heute als Bindeglied zwischen Musikszenen wirkt, die Tausende Kilometer voneinander entfernt liegen. Moonshine klingen wie Montreal, Paris, Brüssel, London, Nairobi oder Hamburg. Für das Kollektiv gehören diese Orte zur selben kulturellen Landkarte. Auch, weil es dort eine große afrikanische Diaspora gibt. Aber nicht nur deswegen:
„Die Codes von Klubkultur werden global verständlicher. Wenn man heute zwischen großen Städten reist“, sagt Kalongo. „Wir merken, dass Menschen über Musik miteinander verbunden sind. Sie verstehen die Codes.“ Für die Mitglieder von Moonshine ist diese globale Vernetzung nichts Neues, aber sie ist durch Social Media beschleunigt worden. Sounds aus Abidjan, London oder Kinshasa verbreiten sich heute binnen weniger Stunden über den Globus.
Dabei sprechen Moonshine auffallend selten über Diversität. Stattdessen fallen immer wieder andere Begriffe: Freiheit. Zugehörigkeit. Gemeinschaft. „Diversität ergänzt das“, sagt Kwenders. Auch Inklusivität beginne bei den Menschen, die einen Klub organisieren. Wenn die Strukturen nicht vielfältig seien, könne sich ein Raum kaum wirklich inklusiv anfühlen. Am wichtigsten sei Moonshine, für einen kurzen Moment neue Welten zu schaffen, losgelöst von jeglichen Grenzen.
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