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Kämpfe in NordostsyrienIS-Kämpfer und Angehörige entkommen aus der Haft

In Syrien rücken die Regierungstruppen weiter vor. Dabei konnten nicht nur Frauen und Kinder von Islamisten fliehen, sondern auch Dschihadisten selbst.

Familienmitglieder von mutmaßlichen IS-Kämpfern im Lager Al-Hol, im Sommer 2024 Foto: Baderkhan Ahmad/ap/dpa

In Nordostsyrien konnten wohl Frauen und Kinder ehemaliger radikalislamistischer Kämpfer aus dem Camp Al-Hol und einem nahen Gefängnis ausbrechen. Bislang wurde das Camp von der kurdisch dominierten Sicherheitstruppe Syrische Demokratische Kräften (SDF) kontrolliert. Die SDF haben sich am Dienstagnachmittag nach eigener Angabe zurückgezogen, im Rahmen der derzeitigen Kämpfe zwischen ihnen und den Truppen der syrischen Regierung. Laut verschiedenen, bislang nicht endgültig bestätigten Berichten in den sozialen Netzwerken konnten einige von ihnen in diesem Machtvakuum fliehen.

Das Lager Al-Hol liegt südöstlich der Stadt Hasakah in Nordostsyrien. Mindestens 37.000 Menschen leben dort, darunter viele Frauen und Kinder ehemaliger Kämpfer des selbsternannten „Islamischen Staats“, bekannt als IS. Al-Hol ist offiziell ein Geflüchtetenlager, doch gleicht es eher einem Gefängnis: Insassen dürfen es nicht auf eigenen Wunsch verlassen.

Zwei Drittel der Insassen sind laut der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ Kinder. Sie berichteten von schlechten Hygienebedingungen und Menschenrechtsverletzungen durch die zuständigen Sicherheitskräfte – eine Situation, die einer möglichen Deradikalisierung nicht gerade förderlich ist.

Das syrische Verteidigungsministerium in Damaskus veröffentlichte zum Camp Al-Hol ein Statement auf Telegram: Man sei „uneingeschränkt bereit“, das Camp und die IS-Gefängnisse in der Region zu übernehmen, und lehne es ab, „dass die SDF-Führung die Gefangenen (…) als politische Verhandlungsmasse missbraucht“.

Ausbruch aus Gefängnis

Auch aus dem Al-Schaddadi-Gefängnis in der Provinz Hasakah sollen am späten Montag Kämpfer ausgebrochen sein. Dort leben wohl vor allem chinesische und bulgarische Daesh-Kämpfer. Wie ein Al-Jazeera-Reporter vor Ort berichtet, zogen sich die kurdischen Aufseher zurück. Dann sei es zu heftigen Kämpfen in den Camps gekommen. Rund 1.500 Daesh-Kämpfer seien ausgebrochen, meldeten die SDF am Montagabend.

Die SDF warf der Übergangsregierung in Damaskus vor, Gefängnisse im Nordosten angegriffen zu haben, in denen IS-Angehörige untergebracht sind. Die Übergangsregierung wiederum bezichtigte die SDF, die Gefangenen freigelassen zu haben. Und erklärte, es seien nur 120 Menschen ausgebrochen. Von diesen hat die Regierung nach eigenen Angaben etwa 80 wieder eingefangen.

Die Miliz IS gilt seit 2019 offiziell als besiegt. Jedoch sind noch vereinzelt Zellen sowohl in Syrien als auch im Irak aktiv. Dort attackieren sie meist Mitglieder der staatlichen Sicherheitsbehörden.

Die SDF waren lange der wichtigste Verbündete des US-Militärs im Kampf gegen den IS in Syrien. Auch die damalige Bundesregierung hatte den Kurden für den Kampf gegen den IS Panzerabwehrraketen, Panzerfäuste und Gewehre geliefert.

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