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KI und der GedankenstrichEr setzt den schieren Gedanken voraus

Seitdem generative KI inflationär mit Gedankenstrichen das Internet flutet, ist der Ruf des Satzzeichens in Gefahr. Zu Unrecht! Ein Rettungsversuch.

Ein Hinweis vorab: In diesem Text werden Gedankenstriche verwendet. Erwähnen muss man das, weil der Halbgeviertstrich, dem in der deutschen Grammatik unterschiedliche Funktionen zukommen, etwas in Verruf geraten ist. Aufgefallen war nämlich, dass Texte, die von ChatGPT verfasst worden waren, besonders viele solcher Satzzeichen enthielten.

Anders als das profane Komma setzt der Gedankenstrich aber etwas voraus. Einen Gedanken nämlich.

Geradezu inflatio­när streut die KI diese über ihre immer höflichen, immer ordentlich strukturierten Ergüsse. Von einer Gedankenstrichitis war gar die Rede. Dafür kann das Satzzeichen selbst freilich herzlich wenig. Im Grunde wird es missbraucht. Missverstanden. Denn da, wo ChatGPT es anbringt, würde ein Komma meist besser stehen. Und weil ChatGPT zunehmend eigene Texte als Trainingsmaterial verwendet, potenziert sich das Problem sogar noch.

Anders als das profane Komma setzt der Gedankenstrich aber – das scheint die KI nicht verstanden zu haben – etwas voraus. Einen Gedanken nämlich. Er öffnet Klammern, markiert Einschübe, lässt Raum – zum Um- oder Weiterdenken. Er erläutert, ermöglicht Pausen und Perspektivwechsel.

Den – wie es heißt – berühmtesten Gedankenstrich der Literaturgeschichte setzte Heinrich von Kleist in seiner „Marquise von O….“ direkt hinter das kleine Wörtchen „hier“. Eher inhaltlich als grammatikalisch begründet, weil es sich bei dem, was man sich dazudenken muss, um etwas Unaussprechliches handelt. Eher für Fortgeschrittene ist, wie ihn Thomas Mann insbesondere in seinem „Zauberberg“ nach Kommata platzierte.

Was also tun? Ihn fortan weglassen, um nicht mit der KI verwechselt zu werden? Ausweichen auf Semikolon oder Doppelpunkt? Sich geschlagen geben? Bloß nicht. Lange gab es keinen so guten Zeitpunkt, den Gedankenstrich in seiner Eleganz zu feiern.

Oder wie Rainer Maria Rilke es in seinen „Notizen zur Melodie der Dinge“ formulierte: „Ich kann mir kein seligeres Wissen denken, als dieses Eine: dass man ein Beginner werden muss. Einer, der das erste Wort schreibt hinter einen jahrhundertelangen Gedankenstrich.“ Jahrhundertelang muss er nicht sein. Ein Halbgeviert reicht. Beate Scheder

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1 Kommentar

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  • An den Gedankenstrich bei Kleist habe ich tatsächlich auch beim Lesen der Überschrift gedacht. In meinem Schreiben kommt er in der Regel gar nicht so vor, was allerdings nicht am Bewusstsein dafür, dass ihn KI verwendet, liegt. Ich bin vielmehr ein Freund davon, Einschübe in Klammern zu setzen, auch wenn man wohl den Gedankenstrich noch besser wiederfinden kann, um den Anfang oder das Ende des Einschubs wiederzufinden. Das Semikolon finde ich für Einschübe nicht wirklich angebracht; denn ein Semikolon hat eine andere Funktion: Es erzeugt nicht den Effekt eines Einschubs sondern eher ein Mittelding zwischen Komma und Punkt.



    Dem Fazit muss ich auch Recht geben und etwas hinzufügen: Nur deshalb, weil das ein Indiz dafür ist, dass KI verwendet werden könnte, ist das noch lange nicht gleichbedeutend damit, dass das auch als solche geschrieben wurde. KI sollte also nicht dazu dienen, dass der Mensch seine Schreibweise ändert, um nicht als potentielle KI gelesen zu werden. Nicht die einzelne Verwendung macht die Interpretation; die gesamte Harmonie der Schreibweise zeigt das Menschliche –* nicht etwa die Fokussierung auf dieses eine Satzzeichen. *getippt mit Strg+N im Tastatur-Layout E1