Justiz in Russland: Wie Trickbetrüger Russen zur Brandstiftung anstachelten
Vor einiger Zeit ging ein Phänomen durch Russland: Telefonbetrüger stifteten Menschen zu Anschlägen an. Manche von ihnen werden wegen Terrorismus angeklagt.
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Mediazona öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland.
Im Dezember 2024 gab es in Russland viele Brandanschläge. Sie standen im Zusammenhang mit ukrainischen Telefonbetrügern – die diese Menschen zu solchen Taten angestiftet haben sollen.
Innerhalb von zwei Wochen – vom 13. bis 27. Dezember – wurden 59 solcher Angriffe in 21 Regionen Russlands registriert. Das war die größte Welle dieser Art bisher. Sie wurden von ganz unterschiedlichen Menschen verübt: Unter den Brandstiftern befanden sich sowohl Schüler als auch 80-jährige Rentnerinnen. Ziele der Brandstiftungen waren Banken, Postämter, Polizeidienststellen und Polizeiautos, Militärkommissariate und Einkaufszentren. Eine Frau zündete auf Anweisung der Betrüger Feuerwerkskörper am Weihnachtsbaum auf dem Roten Platz in Moskau.
Die unabhängige russische Medienplattform Mediazona untersuchte, was mit den festgenommenen Personen passiert ist. Dabei stellte sich heraus, dass die russischen Behörden diese ähnlichen Taten sehr unterschiedlich bewerten. Manchmal wurden sie einfach als Brandstiftung eingestuft, manchmal jedoch als Terrorismus – ohne eine klare oder nachvollziehbare Begründung.
Diese unterschiedliche Einstufung hat große Folgen für das Strafmaß: Manche Täter bekommen nur eine Geldstrafe oder eine Bewährungsstrafe. Andere werden jedoch wegen Terrorismus angeklagt – und in diesem Fall drohen mindestens zehn Jahre Haft in einer Strafkolonie. Für ältere Menschen kann eine so lange Strafe praktisch lebenslange Haft bedeuten.
Die 22-jährige Mitarbeiterin eines Sushi-Restaurants namens Elizaveta Mironova aus Krasnojarsk wurde von Telefonbetrügern dazu überredet, eine Tankstelle in Brand zu setzen. Die Anrufer verwendeten dabei ein Standardverfahren: Sie gaben sich als Mitarbeiter der Zentralbank aus und versicherten der jungen Frau, dass sie an einer „Sonderoperation“ zur Festnahme von Betrügern beteiligt sei. Für ihre Mitarbeit an der Festnahme der Kriminellen versprachen sie ihr eine Million Rubel (etwa 11.000 Euro).
Ende Dezember 2024 beendete Mironowa ihre Schicht im Restaurant, erhielt ihren Lohn und gab das Geld für die Zutaten für Molotowcocktails aus. Alle Anweisungen erhielt sie per Telefon. Am 25. Dezember packte sie die Flaschen in eine Tasche und fuhr zur Tankstelle „Midas“ in der Popowa-Straße – dort sollen sich die Betrüger versteckt haben.
Sie warf Molotowcocktails auf die Tankstelle, und es kam zu einem Brand. Die Flammen konnten sich nicht ausbreiten, es gab keine Explosion, und die Mitarbeiter der Reifenwerkstatt löschten das Feuer.
Doch nicht jeder Fall geht so aus. Die Frau eines Mitarbeiters des Moskauer Flughafens Vnukovo, Ivan Zelinsky, erinnerte sich vor Gericht daran, dass dieser am Vorabend des neuen Jahres 2024 „vielleicht etwas verstimmt“ war und ständig mit jemandem telefonierte.
Am 24. Dezember fuhr er dann mit seinem Auto zur Moskauer Polizeidienststelle im Bezirk Arbat und warf zwei Molotowcocktails auf ein in der Nähe geparktes Polizeiauto; beide zerschellten auf dem Asphalt.
Später erklärte der Mann den Ermittlern, er sei überzeugt gewesen, einen Auftrag des „Mitarbeiters des militärischen Geheimdienstes FSB Chlebnikow“ auszuführen. So stellte sich der Mann vor, mit dem der ältere Moskauer in den letzten vier Monaten über Whatsapp kommuniziert hatte.
Zelinskys Frau betonte vor Gericht: Ihr Mann sei gegenüber Staatsbediensteten stets „respektvoll“ gewesen und habe „die Selbstverteidigungskräfte unterstützt“ – gemeinsam sammelten sie Geld für Medikamente für russische Soldaten.
Der Rentner wurde wegen eines Terroranschlags zu 16 Jahren Haft verurteilt. Nach der Interpretation der Ermittlungsbehörden wurde Zelinsky von Unbekannten angeworben und sollte einen Terroranschlag verüben, um „die Behörden und ihre Unfähigkeit, Menschen und Eigentum zu schützen, zu diskreditieren“.Vor Gericht erklärte Zelinsky, dass er zunächst selbst zum unfreiwilligen Helfer der Betrüger gemacht worden sei – er habe einen anderen betrogenen Moskauer zum Ort der Geldübergabe gefahren. Er glaubte, dass er als Reserveoffizier der „militärischen Spionageabwehr“ half.
Am Silvesterabend überredeten sie ihn dann, angeblich die Bereitschaft des Innenministeriums zu Provokationen zu überprüfen. Außerdem drohten die Betrüger, seiner Frau Schaden zuzufügen – sie schickten Zelinsky ein Video, in dem sie von Unbekannten bis zu ihrem Haus verfolgt wurde.
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