Ausstellung über Bauhaus-Anfänge: Junge Leute in Weimar
Entdeckung: Das Ostholstein Museum in Eutin zeigt, wie wichtig der unbekannte Karl Peter Röhl und sein Freundeskreis für die Bauhaus-Gründung waren.
Mit großen Schritten geht sie voran, übersteigt entschlossen-unbeirrt ein stilisiertes Gebirgsmassiv. Zum Plakatmotiv hat es das Bild „Gipfelstürmender weiblicher Akt“ gebracht, weil es das zentrale Bild ist in der Ausstellung „Die ‚Urzelle‘ des Bauhauses – Karl Peter Röhl und sein Freundeskreis“, zu sehen derzeit im Ostholstein Museum in Eutin. Eine kompakte, nicht ausufernde Schau, die trotzdem nicht weniger verspricht als einen Blick auf „Das Bauhaus, wie alles begann“.
„Bauhaus“, das sage den meisten Menschen etwas, erklärt denn auch Sophie Matuszczak, eine der beiden Kuratorinnen: Sie dächten an Designklassiker, an diese Lampe oder jenen Stuhl, die Meisterhäuser in Dessau. „Wir aber schauen hier auf die Anfangszeit als Experimentierfeld.“ Zeitlich gesehen, geht es um die Jahre 1919 bis 1921, ungefähr.
Im Mittelpunkt steht, wie ein vergessener Held, eben, Karl Peter Röhl, im nahen Kiel geboren (1890) und gestorben (1975). Dort absolvierte er eine Malerlehre, lernte dann Dekorationsmalerei an der Kunstgewerbeschule Berlin und zog weiter nach Weimar, um ein akademisches Kunststudium anzuschließen.
„Die ‚Urzelle‘ des Bauhauses – Karl Peter Röhl und sein Freundeskreis“, Ostholstein-Museum, Schlossplatz 1, Eutin, täglich außer montags 11-17 Uhr. Bis 14.6.
Erschütterte Welt
Der Erste Weltkrieg funkt dazwischen: Vier Jahre lang ist Röhl Soldat, kommt zurück nach Weimar, in eine aufgewühlte Welt, gerade von der Kunst her betrachtet. Eben wurde oft noch altmeisterlich gemalt, dann zeigte der Expressionismus seine Ecken und Kanten, aber etwas noch grundlegender Neues muss her, der erschütterten Welt eine neue Formsprache zu geben, dass sie eine Zukunft hat.
Röhl taucht ein in die studentische Szene, um ihn herum gruppieren sich Freunde, Gleichgesinnte, Wesensverwandte. Es geht um die großen Dinge: den Neuen Menschen, den Kosmos, die Kunst drum herum, darum, wie alles zueinanderfinden kann. Von der Weltenwende ist gerne die Rede, da will man dabei sein, will sie gestalten und formen.
Manchmal wird es auch radikal politisch, dann ist etwa ein Mann namens Hugo Hertwig gern gesehener Abendgast; ein bekennender Linksradikaler, ein Anarchist, entsprechend steckbrieflich gesucht – aus dem später ein Heilkundler und Verfasser heroischer Arzt-Biografien werden wird. Überhaupt muss es eine wilde Mischung gewesen sein, aus Personen und Positionen, aus Ansichten und Absichten; Röhl etwa wird im Mai 1934 NSDAP-Mitglied, bereits ein Jahr vorher hatte er die Mitgliedschaft beantragt.
Die Ausstellung erwähnt dies kurz, geht dem nicht nach, wie kann es sein, dass ein so rebellischer Geist sich den Nazis andient; sondern setzt ihren Fokus allein auf Röhls exemplarisches Anfangsschaffen, denn zusätzlich zum Freundeskreis formiert sich damals in Weimar bald die „Freie Vereinigung“, ein Zusammenschluss von veränderungsentschlossenen Studierenden, der weit mehr sein will als nur eine bloße Interessenvertretung: Wo die Kunst auf den Kopf gestellt werden soll, gilt das ebenso für deren Ausbildungsstätten. Alles soll anders werden.
Sophie Matuszczak, Kuratorin
Auftritt Walter Gropius, der im April 1919 aus der Weimarer Kunstgewerbeschule und der dortigen Akademie sein Bauhaus schmieden wird, wohlgemerkt als staatliche Institution. Vor Ort trifft er auf eine illustre und vor allem selbstbewusste Studentenschar, die seine Reformideen entschieden begrüßt; die mitwirken will, aber auch mitgenommen werden will.
Besonders Röhl ist zunächst begeistert von dem zupackenden Direktor, der auf Kunst als das Erlernen von Handwerk(en) setzt und den sphärischen Geniekult nach Hause schickt. Röhl darf anfangs die Wandmalerei-Werkstatt leiten, auch ohne selbst Meister zu sein; er gewinnt den Wettbewerb für das erste Bauhaus-Signet: ein Strichmännchen, das den Himmel trägt, ein „Sternenmännchen“ auf dünnem Papier. Die Swastika, die sein linker Arm bildet, ist damals noch nicht einschlägig politisch besetzt. In Eutin hängt es nun im schweren, dunklen Holzrahmen.
Es treffen zwei Welten aufeinander. Da ist die freie, durchaus selbstbewusste Malerei Röhls und seiner Entourage, die sich nicht vorschnell ins Korsett einer zielgerichteten Bauhaus-Kunst zwingen lassen will. Gropius wiederum ist enttäuscht, als er vor den zuweilen farbexplosiven Gemälden seiner Anhänger steht, von denen einige auch in der Ausstellung zu sehen sind. Etwa Röhls „Rhythmisch-lineare Komposition in schwarz und rot VIII“: ein getuschter dynamischer Flickenteppich aus roten und schwarzen Linien, Strichen und Flächen. Daraus lassen sich doch keine zeitlos-modernen Produkte fertigen!
Auch versucht Gropius immer wieder seine diskussionsfreudigen Unterstützer zu politischer Enthaltsamkeit zu bewegen. Zu viel Revolutionsgeraune, und die städtischen Geldgeber drehen ihm womöglich den Geldhahn zu.
Und weil das Politische schon damals persönlich ist: Zu Röhls Freundeskreis wie zur Freien Vereinigung gehört auch Alexandra Gutzeit. Sie und Röhl lernen sich näher kennen – mit Folgen für die aufstrebende Schülerin im Fach Architektur, der Königs- und auch Königinnendisziplin am Bauhaus: „In dem Moment, wo die beiden heiraten, meldet Röhl sie beim Bauhaus ab – sie habe jetzt andere Verpflichtungen, gibt er an“, erzählt Sophie Matuszczak.
„Neben allen Bekenntnissen zur Avantgarde und so aufrührerisch man sich gab, am Ende folgte man doch auch konservativen Mustern, so erging es vielen Frauen am Bauhaus ähnlich.“ Die Ehe hielt nicht allzu lange, Gutzeit ließ sich scheiden, absolvierte eine Schneiderinnenlehre und eröffnete ein Modeatelier am Kurfürstendamm. Später wurde sie Schriftstellerin.
Leidenschaft fürs Neue
Parallel ist Johannes Itten am Bauhaus eingetroffen; er hat aus Wien gut 20 auf ihn eingeschworene SchülerInnen mitgebracht, dazu kommen sein esoterisches Weltbild und vor allem sein autoritärer Unterrichtsstil. Röhl besucht noch Ittens Vorklasse, aber dann wechselt er im April 1921 auf die neugegründete „Staatliche Hochschule für Bildende Kunst“, die sich die Weimarer Stadtväter trotz angeblicher Geldnot, mit der sie Gropius immer wieder unter Druck zu setzen suchen, parallel zum Bauhaus leisten.
Zugleich ist Röhls Leidenschaft für das Neue, das so Andere noch nicht erloschen: Diesmal packt ihn die abstrakt-geometrische Welt des Niederländers und Bauhaus-Meisters Theo van Doesburg, dessen reduzierte Kompositionen aus minimalen Farbfeldern unter dem Slogan „De Stijl“ Röhl inspirieren, und bald ist es wie früher: Man malt alles neu und man trifft sich, streitet und ereifert sich über Gott und die Welt, diesmal jeden Mittwochabend bei Röhl im Atelier.
Und weil man so im Schwung ist, sucht man Kontakt in die Dada-Szene, veranstaltet den „Internationalen Kongress der Konstruktivisten und Dadaisten“: Kurt Schwitters kommt vorbei, Hans Arp, El Lissitzky. Überhaupt sind viele da, bei deren Namen man heute anerkennend nickt, aber alle sind sie auch bald wieder weg.
Wie überhaupt die kleine, feine Eutiner Ausstellung einem am Ende klar macht: Es sind gerade mal zwei Jahre, in denen die so lange gefestigte bürgerliche Kunstwelt aus den Fugen gerät, auf dass die jungen Leute mit Wucht Neues erproben, es sind aber auch nur zwei Jahre. In denen sich weniges festigen kann. So wie Röhl bald manche seiner De-Stijl-Bilder übermalt, und seine Arbeiten tragen wieder Titel wie „Sommerliches Kornfeld“ oder „Winterlandschaft“.
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