Jung und alt wohnen zusammen in einer WG: Für beide Seiten ein Glücksfall
Junge Menschen finden schlecht Unterkunft. Und viele Rentner:innen wohnen allein auf großer Fläche: Der Verein Sonay bringt Jung und Alt zusammen.
Foto: Stefanie Loos
„Aktan“ steht auf dem Zettel, der neben dem Klingelschild „Liebel“ an einem Charlottenburger Altbau klebt. So heißt Yağmur mit Nachnamen. Seit einem Jahr wohnt die 35-Jährige bei Manfred, der mehr als 50 Jahre mehr zählt als sie. „Als ich diesen Raum betreten habe, dachte ich: Wow, hier will ich wohnen“, dachte Yağmur.
Die Juristin mit den leuchtenden Augen und dem schwarzen Lockenkopf weist auf die voll gepackten Regale in dem Arbeitszimmer ihres Mitbewohners. Dass sich der 86-jährige Soziologe für linke Politik interessiert, war auf den ersten Blick zu sehen. Und genau danach habe sie gesucht: „Eine Person, die ähnliche Ideen vom Leben hat wie ich.“
Manfred – der wie Yağmur mit Vornamen angesprochen werden will –, erinnert sich ähnlich positiv an die erste Begegnung: „Sie wirkte unkonventionell, unkompliziert.“ Und das hatte er sich auch erhofft: „Das ist bei jüngeren Leuten eher anzutreffen, dass sie lockerer sind und nicht so eingefahren. Das finde ich angenehm.“
Dass das ungleich alte WG-Paar so gut matcht, ist kein Zufall. Beide mussten einen Fragebogen ausfüllen, damit der Verein Sonay sie in die Bewerberliste der „Generationen-WG Berlin“ aufnahm. Neben Angaben zur Person muss man auch seine Erwartungen und No-Gos angeben. Viele Bewerber:innen fielen bei Manfred gleich raus, weil sie keinen Rauch abkönnen – der Rentner raucht gern Pfeife und manchmal auch einen Joint.
„Die ganze Zeit mit Leuten zusammen gewohnt“
Davon können auch die Wände in der Altbauwohnung ein Lied erzählen. Neben vielen gerauchten Pfeifen sind auch die Spuren des Familienlebens zu erkennen, das Manfred hier bis vor ein paar Jahren noch führte. „Unsere beiden Kinder sind hier groß geworden, meine Frau lebte hier 25 Jahre“, sagt er. Dann kam die Trennung. Für eine Weile wohnte seine Tochter noch sporadisch bei ihm, dann zog auch sie aus der Dreieinhalbzimmerwohnung aus. „Ich hab die ganze Zeit mit Leuten zusammen gewohnt, auch früher in Wohngemeinschaften. So ganz alleine zu wohnen, das war ich nicht gewohnt, und es hat mir auch nicht gefallen.“
Mit dem Projekt Generationen-WG Berlin will der Verein Sonay soziales Leben e.V. Alt und Jung zusammen bringen und obendrein eine Lösung für den angespannten Berliner Wohnungsmarkt anbieten. Neben der Suche nach einem passenden Match bietet der Verein auch Unterstützung in Konfliktfällen. Das Konzept scheint aufzugehen: Von den 28 WGs, die sich seit Oktober 2024 gebildet haben, sind nur zwei gescheitert. Junge (18–27 Jahre) und alte (ab 60 Jahre) Interessierte können sich online bewerben unter: www.generationen-wg-berlin.de. (keh)
Manfred erfuhr von dem Sonay-Projekt, der Kontakt zum Verein war positiv. „Das war kein bürokratischer Vorgang, sondern sehr persönlich.“ Neben ausführlichen Vorgesprächen gab es einen Hausbesuch, auch begleiteten Leute von Sonay die Kandidat:innen zu den Gesprächen. Drei seien es gewesen, Yağmur und zwei Männer. „Mir war es lieber, dass eine Frau einzieht“, sagt Manfred. „Damit hab ich bessere Erfahrungen gemacht.“
Im Unterschied zu Manfred war sich Yağmur erst nicht so sicher, ob sie mit der großen Altersdifferenz klarkommen würde. „Ich habe vorher mit meinem Onkel zusammen gewohnt“, erzählt sie. „Der ist zwar auch ein Linker, aber auch sehr bemutternd. Das mochte ich nicht.“
Eine eigene Unterkunft in Berlin zu finden, stellte sich als unmöglich heraus, der Türkin fehlten die passenden Nachweise. „Ich war total verzweifelt. Und dann dachte ich: Ich versuche es.“ Sonay erkannte Yağmurs schwierige Lage und machte eine Ausnahme – eigentlich dürfen die jungen Bewerber:innen maximal 27 sein.
Endlich einen Raum für sich
Als Yağmur das 23 Quadratmeter große Zimmer mit dem Dielenboden bezog, erwartete sie vor dem Fenster ein blühender Kastanienbaum. Endlich hatte sie einen Raum für sich – plus einen weiteren fürs Homeoffice. Yağmur arbeitet für eine Firma in Istanbul. Wegen des Zeitunterschieds muss sie morgens früh raus. „Am Anfang hatte ich Angst, Manfred zu stören, er schläft ja in dem kleinen Raum neben der Küche“, sagt sie. Dann aber habe sie gemerkt, dass er auch früh auf sei, und sich entspannt.
Wenn sich in der Küche ihre Wege kreuzen, begrüßen sie sich freundlich, manchmal trinken sie gemeinsam Kaffee oder Tee, reden über Politik und Persönliches. Dann verschwindet jeder in seiner Arbeit – trotz seiner Emeritierung ist Manfred sehr beschäftigt, er engagiert sich zu Kinderrechten, schreibt Sachbücher und betreut studentische Forschungsarbeiten.
Und er spielt leidenschaftlich gern Speedball, in einem Park um die Ecke. „Das ist die einzige Bedingung, hab ich mal gesagt, dass sie manchmal mit mir Speedball spielt“, erzählt Manfred. Tatsächlich sei es aber in dem Jahr nur einmal dazu gekommen. Vorwurfsvoll klingt Manfred nicht, als er das sagt, eher schwingt Enttäuschung mit, die auch Yağmur nicht überhört. „Ich bin in Berlin immer noch nicht richtig verankert“, rechtfertigt sie sich, „deswegen gehe ich nach der Arbeit raus, um Leute zu treffen.“
„Das ist okay so“, sagt Manfred. „Ich will nicht, dass du dich verpflichtet fühlst.“ Umgekehrt möge er ja auch keine Verpflichtungen, genau das habe er in den Fragebogen eingetragen. Er wolle keine Sonderbehandlung wegen seines Alters, das passiere ihm seit seinem Achtzigsten oft und empfinde er als diskriminierend. „Ich fand auch gut, dass Sonay gleich klargemacht hat, dass ein gegenseitiger Austausch das Ziel ist“, sagt Manfred. Und dazu komme es auch: Neulich habe ihm Yağmur bei einem Computerproblem geholfen. „Und er hat mir Tipps gegeben, wie ich von den großen Internetkonzernen wegkomme“, ergänzt Yağmur.
„Und Krach kannst du auch machen“
Auch einen Putzplan brauchen sie nicht. „Wenn ich sehe, dass etwas dreckig ist, dann putze ich das eben.“ Einkäufe machen sie getrennt, wenn einem aber etwas fehle, bediene er sich bei dem anderen. Manfred nickt, das klappe sehr gut. Und auch sonst hat er nichts zu meckern.
„Das Einzige, was ich dir ab und zu gesagt habe, ist, dass du wie ein Geist bist. Weil ich nicht merke, ob du hier bist oder nicht. Das würde ich manchmal gern wissen.“ – „Ich habe Angst dich zu stören“, erwidert Yağmur, worauf Manfred gleich nickt. „Ich weiß. Aber von mir aus kannst du gern mal klopfen. Und Krach kannst du auch machen.“
Manfred lässt meist abends von sich hören, dann legt er Musik auf, seiner Mitbewohnerin gefällt das: „Wir waren auch schon mal zusammen auf einem Rockkonzert.“
Für Manfred könnte sowas gern öfter passieren. Beide finden, dass die fünf Jahrzehnte zwischen ihnen ein Gewinn seien. „Für mich ist das hier ein Glücksfall, echt“, sagt Manfred, woraufhin Yağmur lacht und den Kopf auf seine Schulter legt: „Ja, es ist wie eine Freundschaft.“ Sie fühlt sich wohl, ist endlich ein wenig angekommen.
Dass Yağmur in Zukunft mehr Raum einnehmen und in seiner angestammten Wohnung etwas verändern könnte, macht Manfred keine Angst: „Ich komm’ mit Veränderungen klar. Außerdem würde sie mich sicher fragen.“ Yağmur findet es schwierig, dass Manfred in der kalten Jahreszeit nach La Gomera fährt, letzten Winter hat sie sich in der Wohnung sehr einsam gefühlt. Der Austausch brach jedoch nicht ab, sie schickten sich Nachrichten, Musik und Artikel.
Für die nächste Zeit haben sich die beiden vorgenommen, sich öfter zu unterhalten, um Yağmurs Deutsch zu verbessern, bisher sprechen sie auf Englisch. Auch räumlich wollen sie sich verändern, die Zwischentür zwischen ihren Arbeitszimmern soll künftig offen stehen. So kann jede:r für sich sein und ist trotzdem nicht allein.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert