Jugendschutz und Schmuddelkram

BDSM-Pornos sind sicher

Jugendliche, die im Internet nach Fetisch-Bildern suchen, stoßen schnell an Jugendschutzbestimmungen. Das ist nicht immer sinnvoll.

29.06.2019, Baden-Württemberg, Friedrichshafen: Teilnehmer des Torture Ship warten am Hafensteg darauf, an Bord des Schiffs zu gehen.

Besser im Internet als anderswo nach Fetischpornografie suchen Foto: dpa

Wenn Jugendliche bei sich ein sexuelles Begehren feststellen, das von der Norm abweicht, dann haben sie drei Möglichkeiten, dieses zu erkunden. Option eins: Sie reden mit Familie oder Freund*innen darüber – und riskieren, stigmatisiert oder missverstanden zu werden. Denn selbst die liberalsten Eltern reagieren selten richtig, wenn ihr Nachwuchs sich für kinky Spiele interessiert.

Option zwei: Sich einen gefälschten Ausweis besorgen und in die nächste SM-Bar trampen – was überfordernd und gefährlich ist. Oder Nummer drei: Ins Internet gehen und sich langsam herantasten an die eigenen Vorlieben. Mit anderen User*innen Fantasien und vielleicht auch Bilder tauschen (Tipp: immer kopflos), geschützt durch die Anonymität und die Möglichkeit, sich jederzeit auszuloggen.

Solange wir in einer Welt leben, die zwischen normalem und anderem Begehren unterscheidet, ist das Netz – konkreter: sind soziale Netzwerke und Plattformen – der sicherste Raum für Heranwachsende, sich an die eigene Lust heranzutasten.

Nun ist aber das Netz was Sexualität angeht nicht nur frei und fortschrittlich, sondern birgt auch die Gefahr von Belästigung oder Gewalt, von potenziellen Tätern, die die Schwäche der sexuell Heranwachsenden ausnutzen könnten. Wie aber trennt man das harmlose Ausleben von Begehren vom missbräuchlichem Verhalten?

Jugendschutz ist nicht das Gegenteil von Pornos

Bisher regiert in sozialen Netzwerken ein Mix aus Jugendschutzgesetzen und US-amerikanisch geprägter Sexualmoral. Beide Systeme unterscheiden allein zwischen An- und Abwesenheit von sexuellen Handlungen.

Soziale Netzwerke betreiben Jugendschutz, indem sie von der Bilderkennung prüfen lassen, ob Sex oder Genitalien zu sehen sind. Die sind teils so empfindlich programmiert, dass auch mal Bilder von Alltagsgegenständen dabei unter die Räder kommen.

Auf Instagram wird, wer sich in engen Fetisch-Klamotten fotografiert, schnell geblockt, wenn da schon mal der Umriss eines Penis oder von Brustwarzen zu erahnen ist. Auch ­Tumblr, bis vor einem Jahr noch Tummelplatz von Kink-Communities, hat die automatische Toleranzgrenze massiv runtergedreht. Gegen Twitter, wo sexy Pics bisher noch gepostet werden können, geht gerade eine deutsche Medienanstalt strafrechtlich vor – wegen Verbreitung jugendgefährdender Inhalte. Klar, rechtlich gesehen muss das.

Aber praktisch wird so auch der Raum für sensiblen, wertschätzenden Umgang mit sexuellen Spielarten immer kleiner. Natürlich ist es essenziell, dass sexuelle Gewalt und Belästigung im Netz Konsequenzen hat, oder besser noch: weitgehend verhindert wird. Aber es muss dafür doch eine bessere Möglichkeit geben als die Tilgung alles Sexuellen. Wenn wir Pornografie und Jugendschutz als Gegenteile begreifen, die einander ausschließen, verlieren nämlich alle. Auch die Kids.

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Redakteur für alles, was auf Bildschirmen stattfindet. Interessiert sich besonders für medienethische Fragen und für den digitalen Journalismus der Zukunft. Bei der taz seit 2016. Schreibt in der Kolumne "Kuscheln in Ketten" alle zwei Wochen über Fetisch und SM.

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