Latex-Schneiderin über Fetisch-Kleidung: „Ich liebs, es sitzt alles so eng“

Heidi Pulkkinen schneidert Mode aus Latex – vom Brautkleid bis zur Unterhose. Ins „Savage Store“ in Berlin kommen Dominas und die Frau von nebenan.

Latex-Schneiderin Pulkkinen sitzt auf dem Tresen ihres Ladens. Sie trägt selbst ein Latex-Outfit, im Hintergrund sind ihre ausgefallenen Kleidungsstücke zu sehen.

Sieht auf den entsprechenden Partys häufig ihre Designs: Heidi Pulkkinen in ihrem „Savage Store“ Foto: Sophie Kirchner

taz: Frau Pulkkinen, ist Latex Fetisch?

Heidi Pulkkinen: Ja, klar. Latex ist Fetisch. So wie vieles andere auch. Aber wir machen hier nicht die Vollgummianzüge mit Maske, sondern vor allem schöne Partykleidung. Weniger die Sachen zum Spielen. Obwohl, es gibt bei uns auch Krankenschwesterkostüme und wir haben viele Dominas als Stammkundinnen. Das schon.

Latex ist sicher eines der ungewöhnlichsten Materialien für Kleidung.

Ich selbst liebe es, Latex zu tragen, es sitzt alles so eng. Wie eine zweite Haut, sagt man ja so schön. Sie müssen es ausprobieren!

Der Mensch Heidi Marika Pulkkinen ist 43 Jahre alt. Vor 17Jahren kam die gebürtige Finnin nach Berlin und begann alsbald Latexmode nicht nur selbst auf einschlägigen Partys zu tragen, sondern auch anderen auf den Leib zu schneidern. In ihrem Laden und Online-Shop kaufen Latex-Fans aus ganz Deutschland und aller Welt. Für Neulinge, die ganz klein anfangen wollen, gibt es auch die coronakonforme Mund-und-Nasen-Bedeckung aus Latex. Aber die ist doch nicht atmungsaktiv?! „Für den Einkauf geht das schon“, sagt Pulkinnen.

Okay, das mach ich am Ende unseres Gesprächs.

Viele haben Angst, dass man da jedes Kilo zu viel sieht, aber ich finde das Gegenteil ist der Fall, Latex bringt den Körper zur Geltung und in die richtige Form. Und es hat einfach eine besondere Attraktion. Die Leute kommen hier in den Laden und sagen: Oah, wie gut das riecht, wie sich das anfühlt!

Da machen wir unbedingt gleich weiter. Aber zuerst: Wie hat es Sie nach Berlin verschlagen?

Ich komme aus Finnland, die letzten vier Jahre habe ich in Helsinki gelebt. Da war es auch schön, aber irgendwie ziemlich klein. Insofern war es nicht so schlimm, nach Berlin zu kommen. Ich habe einen Mann aus Berlin kennengelernt und bin hierher gezogen. Heute ist er mein Geschäftspartner.

Sind Sie gelernte Schneiderin?

Ich habe Bekleidungstechnik studiert in Lahti, 100 Kilometer entfernt von Helsinki. Da lernt man alles: Nähen, Schnittmuster anfertigen, Arbeiten mit verschiedenen Stoffen. Nur kein Latex natürlich. Das kam später.

In Berlin …

Genau. Ich konnte noch kein Deutsch, also jedenfalls nicht so richtig. Das bisschen aus dem Gymnasium reichte für Hallo und Auf Wiedersehen. Aber ich hatte kein Geld und musste ja irgendwas arbeiten. Mein damaliger Freund hatte die Idee: Mach doch Latex.

Na klar, was sonst...

Latex kann auf Erdöl- oder Naturkautschuk-Basis – also aus dem Saft des Kautschukbaums – hergestellt werden. Vor allem Massenartikel (Handschuhe, Kondome, einfache Kleidung) werden „getaucht“ – dabei wird eine Form in flüssiges Latex getaucht und die dünne Schicht, die sich auf der Form bildet, dann abgezogen. Komplexere Designs werden häufig in Einzelanfertigung geklebt. Latex für Kleidung, wie sie Pulkkinnen herstellt, ist in der Regel nicht viel dicker als ein Gummihandschuh! „Sonst wird es zu schwer und dehnt sich nicht so gut“, sagt Pulkkinen.

Für mich lag das nicht so fern. Ich hatte damals schon selbst ein paar Latexsachen, nur getauchte, nichts Hochwertiges, damals kannte ich mich ja nicht so gut aus. Aber ich habe die Sachen zum Ausgehen getragen.

Ah ja?

Natürlich. Ich muss sagen, ich gehe niemals in die ganz normalen Clubs. Ich kann das nicht. Die Leute ziehen sich da überhaupt nicht besonders an. Für mich gehört das aber zur Party und zum Tanzen dazu. Ich würde niemals in Jeans und T-Shirt auf eine Party gehen.

Latex gehört für Sie zum Ausgehen?

Auf jeden Fall. Aber ich muss auch sagen, dadurch, dass ich jeden Tag mit Latex arbeite, habe ich selbst keinen großen Fetisch mehr dafür. Es ist einfach ein Material geworden. Nicht mehr so aufregend. Leider.

Wie haben Sie angefangen mit dem Latex-Schneidern?

Ich hab erst mal ein Praktikum gemacht und die Grundlagen gelernt. Den Rest habe ich mir selbst beigebracht. Die ersten Sachen habe ich für mich geschneidert.

Und wie war dann der Weg zu diesem Laden hier? Es war ja sicher nicht so, dass Berlin darauf gewartet hat, dass Sie aus Finnland kommen und endlich Latexklamotten schneidern...

Auf großen Partys begegne ich oft meinen Kreationen. Das ist wie den eigenen Song im Radio hören

Irgendwie doch. Als ich angefangen habe, gab es noch nicht so viel. Eher für schwule Männer, aber nicht so ausgefallene Sachen für Frauen. Und Berlin ist schon ein guter Ort dafür. Normalerweise, also ohne Corona, gibt es hier viele Events in Clubs wie Kitkat und Insomnia und mit großen Partys wie dem German Fetisch Ball und Waste­land. Dann kommen die Leute aus ganz Deutschland und der Welt und suchen nach neuen Outfits.

Keine Partys, keine Clubs, die Dominastudios hatten lange zu – ist gerade eine schlechte Zeit für Latex und Fetisch, oder?

Ich kann da nur für mich sprechen. Im Laden haben wir weniger Kunden, aber online läuft genauso viel wie vorher. Vielleicht kaufen sich die Leute einfach was Besonderes, weil sie nicht in den Urlaub fahren können, und machen es sich zu Hause schön.

Ich würde gern weiter über das Material sprechen. Die meisten Menschen hatten wohl außer einem Kondom noch nichts aus Latex am Körper...

Und Handschuhe.

Stimmt. Aber können wir noch ein bisschen eintauchen in das Mysterium Latex?

Fangen wir bei der Herstellung an: Handschuhe werden getaucht, also eine Form wird in flüssiges Latex geformt, das ginge gar nicht anders bei den vielen Rundungen. Aber Sachen, wie ich sie mache, werden ausschließlich geklebt. Also jetzt nicht mit Uhu oder so. Es gibt speziellen Latexkleber und der hält dann auch wirklich.

Im Prinzip ist Latex doch Gummi …

Ja, aber es gibt Gummi aus Naturkautschuk und aus Erdöl. Wir verwenden Bahnen aus Naturkautschuk.

Ein Latex-Kleidungsstück hängt auf einem Bügel: Es ist ein brustfreies Oberteil für Frauen

Obenrum frei: Latex-Outfits gehen auch atmungsaktiv Foto: Sophie Kirchner

Ach, das ist tatsächlich ein Naturmaterial? Sieht gar nicht so aus.

Doch. Die Bahnen selbst werden natürlich meist industriell hergestellt. Aber wir fertigen Sachen auch aus handgegossenem Latex, das ist noch individueller, aber nicht so leicht zu verarbeiten.

Atmungsaktiv ist Latex ja nicht …

Das kommt immer als Allererstes von den Leuten, die keine Ahnung haben: „Aber man schwitzt da doch so drin...“ Ja klar, man schwitzt. Aber das merkt man gar nicht so wirklich, weil es so eng anliegt. Und es fühlt sich ja nicht wie ein nasses T-Shirt an. Die Haut wird feucht, vielleicht läuft sogar der Schweiß raus, aber es ist kein ekliges Gefühl.

Was muss ich an Geld mitbringen, wenn ich ein Latexkleid haben möchte?

So ein Basic-Kleid ohne Ärmel ab 200 Euro, die ganz ausgefallenen Outfits 2.000 Euro oder noch mehr. Es gibt eigentlich keine Obergrenze. Es kommt darauf an, wie viel Streifen, Ösen, Schnallen da dran sollen. Das wird alles handgeklebt.

Die Latexkleider, wie sie hier im Laden hängen, scheinen mir aber schon vor allem der Zurschaustellung der Vorzüge schlanker Frauen zu dienen …

Nee. Das ist nicht nur was für schlanke Frauen, überhaupt nicht. Das habe ich ja schon gesagt. Es ist nur so, dass ein Körper umso individueller wird, je mehr jemand wiegt. Deshalb mache ich bei größeren Größen eigentlich immer Maßanfertigungen. Das sieht dann einfach toller aus.

Latex ist was für jede Frau?

Nein. Es ist was für Frauen, die sich wohlfühlen in ihrem Körper. Wenn du eine S trägst, aber total kritisch mit deinem Körper bist, ist ein hautenges La­texoutfit sicher nicht das Richtige.

Was sind das denn für Frauen, die zu Ihnen in den Laden kommen?

Ein Teil kommt sozusagen beruflich, weil sie als Dominas arbeiten. Die brauchen natürlich öfter was Neues. Aber auch so ganz normale Menschen. Es gibt nicht die typische Frau, bei der ich denke, ach, die trägt auf jeden Fall Latex.

Merken Sie, ob jemand zum ersten Mal kommt?

Wenn jemand was anprobieren möchte, frage ich, ob es das erste Mal ist. Und wenn ja, dann erkläre ich. Es ist ja nicht so, dass man Latex wie normale Klamotten anzieht. Und man sollte nicht gleich mit einer Latex-Leggings anfangen.

Ach so?

Leggings sind am schwersten. Da braucht man schon mal 10 Minuten fürs Anziehen, wenn man keine Erfahrung hat. Da darfst du nicht mit den Fingernägeln rein, ist ja klar. Großflächig dehnen, sonst kann es auch reißen. Und du musst das ganz gleichmäßig sanft von unten bis oben hochziehen. Wenn du unten noch Falten hast, kriegst du die nicht mehr raus. Zu Hause geht das besser, da kann man die Sachen vor dem Tragen einölen. Wir pudern hier nur, sonst müssten wir die Sachen ja immer wieder waschen.

Latex kann man waschen?

Muss man sogar. Nach dem Tragen müssen das Öl und der Schweiß runter, dafür gibt es extra Latexwaschmittel. Dann gut trocknen lassen und für die Lagerung einpudern. Unbedingt im Dunkeln, sonst wird das wie Gummi stumpf. Und vor dem nächsten Tragen dann wieder waschen und einölen.

Puh, das klingt aufwändig.

Wenn du das Outfit als Domina jeden zweiten Tag anziehst, machst du das natürlich nicht. Aber wenn du es ein Mal im Monat für eine Party trägst, gehört das quasi zum Ausgehen dazu.

Was wollen die Leute, die Maßanfertigungen bestellen?

Bei Frauen sind es die klassischen Catsuits oder Kleider, oft Kombinationen aus bereits vorhandenen Designs oder mit speziellen Farben – Neonpink oder so. Ein Brautkleid aus rotem Latex hab ich auch schon gemacht und ein riesiges Oktopus-Kostüm. Bei Männern sind es auch Püppchenkleider mit vielen Püffchen und Schleifchen. Frauenkleider für Männer müssen natürlich immer maßgefertigt werden, ist ja klar.

Fragen Sie die Leute, wofür sie die Kleidung verwenden?

Das geht mich nichts an.

Und wenn ein Mann kommt und sagt, ich möchte ein Püppchenkleid, dann denken Sie: Klar, dann kriegt er ein Püppchenkleid?

Die Männer sind oft etwas schüchtern und sagen: Das ist jetzt vielleicht etwas komisch, wenn ich ein Frauenkleid anprobieren möchte. Aber für uns ist das überhaupt nichts Besonderes.

Gibt es Kundenwünsche, die Sie überraschen?

Hmm. Ich gehe da anders ran. Für mich sind da nur die Fragen: Wie kann ich das umsetzen, wo klebe ich was. Wenn zum Beispiel jemand kommt und ein Superheldenoutfit aus einem gezeichneten Comic will, bei dem alles mit nur zwei Streifen hält, muss ich im echten Leben schauen, wie das etwa mit transparentem Latex geht.

Kommen auch Männer und sagen, ich will, dass meine Frau so was anzieht …

Ja, gibt es. Aber wenn es der Frau nicht gefällt, funktioniert das nicht. Es kommen übrigens auch Männer, die sagen, meine Frau ist dominant und möchte, dass ich Latexunterwäsche trage.

Ist Latexkleidung Verkleidung?

Das kann es sein, ja. Gerade bei den Superheldensachen, die auf Conventions getragen werden.

Ich meine das im Sinne von: Jemand sein, der oder die man sonst nicht ist.

Ich denke nicht, nein. Für die Frauen und Männer, die Latex tragen, ist das Teil ihres Stils.

Aber Kleidung macht ja was mit der Persönlichkeit.

Als Frau fühlt man sich schon sehr weiblich. Kann gut sein, dass man sich auch anders bewegt. Ich kann das schlecht sagen, weil es für mich normal ist. Vielleicht fühlt man sich mutiger. Wenn Männer in den Laden kommen, noch nichts aus Latex haben und einen Rock kaufen, das finde ich super. Aber das machen nur die Mutigen.

Begegnen Ihnen Ihre eigenen Kreationen, wenn Sie ausgehen?

Auf den großen Partys oft, wirklich oft. Das ist wie den eigenen Song im Radio hören.

Und was sagen Ihre Eltern zu Ihrer Arbeit?

Meine Mutter dachte lange, ich mache Sexklamotten. Ich habe ihr das dann erklärt und ich glaube, Sie hat verstanden, dass es vor allem Party- und Ausgehmode ist. Irgendwann hat sie aber mal gesagt: Das sind ja ganz schöne Designs, aber das wäre noch schöner, wenn du es aus Stoff machen würdest...

Und?

Auf keinen Fall. Hier gibt es nur Latex.

Manuela Heim ist Redakteurin in der taz Berlin und hat ihr Versprechen eingelöst, nach dem Interview noch was aus Latex anzuprobieren. Aber keine Leggings.

Sophie Kirchner ist Fotografin in Berlin und freut sich, dass es hier nicht nur Hipster-Cafés gibt, sondern auch noch individuelle Läden.

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