Einrichtung bei SM-Menschen

Kein Satin, kein Samt

Wollten Sie schon immer mal wissen, wie es bei BDSM-Liebenden zu Hause aussieht? Hier erfahren Sie es ganz exklusiv.

Drei Ledermasken für BDSM

So stellen sich die Anhänger*innen von Blümchensex die Wohnung von BDSM-Leuten vor Foto: Lars Berg/imago

Die Beleuchtung ist schummrig und aus irgendeinem Grund erdbeerrot. Wahrscheinlich indirektes Neonlicht. Überhaupt muss da unbedingt eine Neonlichtquelle sein oder dicke Kerzen. Oder beides. An der Wand, aufgereiht an einem dunkel gebeizten Holzbalken: Peitschen, Gerten und Spreizstangen, sortiert nach Größe. Das Fußende des opulenten Betts ist gleichzeitig ein Pranger, Augenbinde und ein paar Handschellen liegen bereit.

Ich muss Ihnen etwas sagen: Das Fernsehen und die halb schmutzigen Taschenbücher, die in der Bahnhofsbücherei liegen, haben Sie angelogen.

In der Popkultur sind BDSM-Liebende meistens ihrem Hobby so sehr verfallen, dass sie das ganze Schlafzimmer oder gleich die ganze Wohnung thematisch umdekorieren. Sofern sie nicht gleich einen eigenen Playroom haben: ein fensterloses Verlies mit ledergepolsterter Tür und Andreaskreuz an der Wand. Selbst progressive Bücher, Filme und Fernsehformate, die diverse Neigungen eigentlich normalisieren wollen, bedienen sich immer wieder dieser leicht trashigen, schummrigen Bildwelt, in der SM-Spiel mit Gefahr und mit leicht abwaschbaren Oberflächen assoziiert wird.

Es gibt diese Wohnungen natürlich. Aber mit der durchschnittlichen Einrichtung von Kinkstern hat das nichts zu tun – noch nicht mal in Berlin. Noch nie, wirklich nie war ich bei jemandem eingeladen, der seine Knebel und Gummimasken der Größe nach sortiert an der Wand aufgehängt hatte. Die Vorstellung, dass es sich jemand bei der gegenwärtigen Wohnraumsituation leisten kann, einen Hobbyraum einzurichten, geschweige denn einen Playroom, ist ulkig. Und Kerzen wurden auch nirgendwo angezündet, zum Glück, denn Menschen, die zum Sex Kerzen anzünden, liebes Fernsehen, sind entweder unter 16 oder haben Angst vor Spaß.

Sexspielzeug aus Bettkästen

Ich musste auch noch nie an einer Wand aus gerahmten artsy Fetischfotografien vorbeilaufen, um mich dann auf glitschiger schwarzer Satinbettwäsche niederzulassen, womöglich noch unter einem Himmel aus lila Samt. Nicht dass mich so eine Inneneinrichtung per se abschrecken würde. Ich würde sie wahrscheinlich einfach mit ähnlichem Befremden zur Kenntnis nehmen wie auch jedes andere allzu monothematische Wohndesign – sagen wir „Star Wars“ oder „My Little Pony“.

Nein, die Wohnungen der harten Doms, der devoten Köter, der Fesselschwestern und Sockenfetischisten haben anthrazitgraue Sofalandschaften und passende Vorhänge, haben Flokatiteppiche, Buddhakitsch und Batiktücher. Sie haben gerahmte New-York-Skylines an der Wand, Plasmafernseher und Playstations, Biberbettwäsche und Schaffelle. Die Sexspielzeuge werden aus Bettkästen hervorgezaubert, sind in Kleiderschrankschubladen versteckt oder befinden sich in Bastkörben im weißen Kallax-Raumteiler.

Die Wohnungen von SM-Fans sind, das ist meine persönliche Empirie, absolut mondän und schreiend gewöhnlich. Und das – ist auch gut so.

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Redakteur für alles, was auf Bildschirmen stattfindet. Interessiert sich besonders für medienethische Fragen und für den digitalen Journalismus der Zukunft. Bei der taz seit 2016. Schreibt in der Kolumne "Kuscheln in Ketten" alle zwei Wochen über Fetisch und SM.

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