Jubiläumstour der Undertones: Sie geben Vollgas auf der Memory Lane
Die irischen Undertones feiern ihre Punkwerdung anno 1976 mit einer Jubiläumstour. Dabei klingen die alten Hits erstaunlich frei von Nostalgie.
Es muss schon einen besonderen Anlass geben, wenn ein namhafter DJ im britischen Radiosender BBC den gleichen Song zweimal hintereinander auflegt. Aber genauso war es an jenem 25. September 1978: John Peel hatte sich in das knapp zweieinhalb Minuten kurze, vor Energie berstende Stück einer jungen Band aus dem nordirischen Derry schockverliebt. Darum wollte er es den HörerInnen seiner nach ihm benannten Kultsendung im Programm BBC1 so eindringlich wie möglich um die Ohren hauen.
Bis Ende Oktober bekamen sie die „Teenage Kicks“ der Undertones noch ein Dutzend Mal serviert – auch in den nächsten Jahren erhielt der Song von John Peel beständig Airplay. Zur Beerdigung der Radio-Legende erklang das Stück 2004 auf Peels letzten Wunsch sogar in einer Kathedrale von Suffolk; außerdem wurde eine (leicht abgewandelte) Songzeile auf seinen Grabstein gemeißelt: „Teenage dreams so hard to beat“.
Das ausgeprägte Sendungsbewusstsein sorgte nicht nur dafür, dass die Single bis auf Platz 31 der britischen Charts kletterte. Mittelbar schob Peel eine denkwürdige Karriere an. Von jetzt an war das 1975 gegründete Quintett die Sorte Punkband, die sich nahezu alle gefallen ließen. Weil es die von den Ramones beeinflussten Gitarrenriffs und das durchgebolzte Tempo mit betörend eingängigen Melodien kombinierte, wie man sie von Glamrock und klassischem Sixties-Pop her kannte.
Und weil Feargal Sharkey sang – der Frontmann mit der unverwechselbar heiseren Stimme, der sein Lampenfieber in Charisma zu verwandeln verstand. Bis er sich nach 13 teils legendären Singles („Here Comes the Summer“, „My Perfect Cousin“) sowie vier Alben 1983 von den Undertones verabschiedete und zu einer Solokarriere anhob. Diese ließ ihn ein, zwei mittelgroße Hits wie „A Good Heart“ (1985) landen; in den neunziger Jahren wurde Sharkey dann ein A&R-Manager bei einem Majorlabel.
Entsetzliche Lücke
Ob diese Lücke jemals überzeugend zu schließen war, wird unter eingefleischten Fans bis heute diskutiert. Tatsache ist jedoch, dass Gitarrist John O'Neill, der die meisten Songs komponierte, sein Bruder Damian, Bassist Michael Bradley und Schlagzeuger Billy Doherty nicht aufgesteckt haben. Sie ersetzten Sharkey bereits zur Reunion Ende 1999 durch Paul McLoone, der zuvor Radio-Moderator war, und sind in der Formation weiter als Live-Band unterwegs.
Undertones live: 6. Mai 2026 „Markthalle“ Hamburg, 7. Mai 2026 „Hole 44“ Berlin, 8. Mai 2026 „UT Connewitz“ Leipzig, wird fortgesetzt
So wie zur aktuellen „50th Anniversary Tour“, die auf das allererste Konzert am 16. März 1976 in der St. Joseph's Boy School in Derry rekurriert. Sie führt die Undertones im Mai durch sieben deutsche Städte, von Hamburg bis Stuttgart – und Mitte Juli noch mal als Special Guests der Toten Hosen ins Kölner RheinEnergie Stadion.
Auch bei Bands wie Stiff Little Fingers agieren die Iren in diesem Spätsommer der Punk-Nostalgie als Support Act. Das mag man auch als Paradigmenwechsel verstehen – waren die Undertones doch manchem Gralshüter der Kulturrevolte zunächst suspekt. Auf Bandfotos sahen die Musiker mit Jacketts und Hemden eher wie arglose Vorstadtknaben denn wie Systemsprenger aus.
Außerdem sangen sie lieber über Sehnsüchte und Leiden von Heranwachsenden, als zu den sogenannten „Troubles“ in ihrer Heimat oder sonstigen politischen Themen explizit Stellung zu beziehen. Und dass sie 1980 von einem Belfaster Kleinstlabel zum Majorlabel EMI wechselten, stellte sie unter akutem Sellout-Verdacht. Der wurde nicht geringer, als die Undertones auf dem Album „Positive Touch“ auch noch Soul und Motown zitierten.
Tributeband ihrer selbst
Doch inzwischen fahren die O'Neills und ihre Mitstreiter einen kompromisslosen, eher an den Anfängen orientierten Kurs. Der garantiert nicht weniger, aber auch nicht mehr als Punkrock in seiner ureigenen Form. Zum Auftakt der „50th Anniversary Tour“ präsentierte sich die Band im April etwa im Amsterdamer „Paradiso“ phasenweise wie ihre eigene, um einiges beschleunigte Tribute Band.
Manche der Zweieinhalb-Minuten-Perlen wurden gnadenlos in 90 Sekunden abgespielt. Augenscheinlich aber holte gerade die Beschleunigung ein teils mitgealtertes, teils jüngeres Publikum voll ab. Zum Ende verkeilten sich die einen wie die anderen Besucher (denn es gab nur wenige Besucherinnen) beim fröhlichen Pogo ineinander – als könnte man sonst (noch) nicht nach Hause gehen.
Neue musikalische Impulse gehen von den irischen Poppunkern definitiv nicht aus. Vielmehr geht es darum, sich gemeinsam in eine besondere, klar definierte Zeitschlaufe zu begeben. Das gelingt beim Besuch eines Undertones-Konzerts immer noch in passabler Manier. Hier sind die Helden, die nie welche sein wollten, weitgehend frei von Eitelkeit. Sie gehen nicht mehr auf Tour, um irgendein neues Werk zu promoten, sondern bloß, um noch mal mit Vollgas über die Memory Lane zu brettern. Das ist nicht die schlechteste Voraussetzung für einen launigen Abend – auch wenn die Träume von früher kaum zu schlagen sind.
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