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Jubiläum des Frauenfußballs Deutschland, ein Männermärchen

Alina Schwermer

Kommentar von

Alina Schwermer

50 Jahre Frauenfußball ist blanker Unsinn: organisierten Frauenfußball gibt es viel länger als das DFB-Verbot. Es ist Zeit für eine Aufarbeitung.

V iele Medien jubeln über 50 Jahre Frauenfußball. Gemeint ist die Tatsache, dass der DFB in Westdeutschland am 31. Oktober 1970 sein absurdes Frauenfußballverbot aufhob. Die Feierei ist an sich schon grotesk: Man freut sich, dass das Verbot nur bis 1970 hielt, und lacht herzlich über die bekloppten Zitate der DFB-Herren damals, anstatt den DFB zu einer ernsten Entschuldigung oder auch zu Entschädigungszahlungen zu verpflichten.

Vor allem aber spiegelt der Slogan „50 Jahre Frauenfußball“ die Unkenntnis wider, die noch heute herrscht. Frauen spielten natürlich nicht erst, seit der DFB es erlaubte. Sie spielten, seit es Fußball gab. Das erste nachgewiesene Team gründete sich 1894 in England. Wo der Männerfußball unfreiwillig Platz machte, genossen diese Teams oft große (teils spöttische, teils ernste) Popularität:

Die Dick Kerr's Ladies zogen während und nach dem Ersten Weltkrieg in England bis zu 50.000 ZuschauerInnen an; in Mexiko gab es Ende der sechziger Jahre eine hoch populäre Frauenliga, die regelmäßig live im Fernsehen lief. In Deutschland spielten Frauen im Arbeitersport der zwanziger Jahre, und Lotte Specht gründete 1930 den ersten bürgerlichen Frauenfußballverein. Verbote waren Reaktionen, Machtverlustängste alter Herren.

Vor diesem Hintergrund muss man das westdeutsche Verbot 1955 verstehen, denn die WM 1954 ließ den Frauenfußball boomen. Selbst die Illegalität hielt Frauen nicht ab; sie gründeten weitere Vereine, inoffizielle Verbände und bestritten über 150 inoffizielle deutsche Länderspiele, die bisweilen Zehntausende ZuschauerInnen lockten. Alles fast vergessen. Das liegt auch am DFB, der sich anmaßt, Frauenfußballgeschichte beginne mit der Aufhebung eines Verbots. Dabei hatte der Verband schon keine Wahl mehr.

Längst gab es 1970 einen Frauen-Weltverband und eine WM, deren Finale vor 60.000 ZuschauerInnen lief. Als sie endlich dem Männerverband beitraten, wurden die Fußballerinnen überall vor allem eines: marginalisiert. Über hundert Jahre Emanzipationskampf im Fußball, das wäre erzählenswert.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Alina Schwermer

Alina Schwermer freie Autorin

Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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2 Kommentare

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  • miri

    Die Männer sehen die Geschichte nur, wo sie an ihr mitwirken oder sie steuern. Alles andere verschwindet hinter den Scheuklappen. Bitter!

    • Karl Kraus

      @miri:

      Finde ich auch. Je mehr man über die Geschichte der Frauen und der Frauenbewegungen liest, desto mehr wird das Drumherum der männlichen Reaktionen zur Geschichte der Dummheit und der Erbärmlichkeit. Männer wirken in diesem Kontext weitgehend peinlich, aggressiv und lächerlich in ihrem Gockelstolz.