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Journalistin über LQBTQI*-Rechte„Queerfeindlichkeit ist ein politisches Machtmittel“

Im sogenannten postsowjetischen Raum ist Queerfeindlichkeit noch immer weit verbreitet. Norma Schneider kennt die Hintergründe.

Georgien hat 2024 ein Gesetz beschlossen, das sogenannte LGBT-Propaganda unter Strafe stellt: Demo in Tbilissi Foto: Zurab Kurtsikidze/dpa/epa

Interview von

Mara Schaaf

taz: Frau Schneider, warum nutzen Sie den Begriff „postsowjetisch“ in Anführungszeichen?

Norma Schneider: Der Begriff „postsowjetisch“ wird von vielen Leuten abgelehnt, die aus der Region kommen oder dort leben, weil sie nicht über die Vergangenheit definiert werden wollen. Hierzulande verbindet man mit dem Begriff oft nur Russland und vergisst, dass es noch so viele andere Länder auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gibt, denen ihre Eigenständigkeit sehr wichtig ist, gerade angesichts von sowjetischem Kolonialismus und russischem Imperialismus.

taz: Wie war die Situation queerer Menschen in der Sowjetunion?

Schneider: In der Sowjetunion war männliche Homosexualität verboten und wurde mit Gefängnis bestraft. Es wurde aber kaum über Queerness gesprochen und Homosexualität war stark tabuisiert. Zudem waren der Kollektivismus und der Gedanke, der Gesellschaft zu dienen, ideologisch verbreitet. Abweichungen vom traditionellen Familienbild waren als schädlicher Individualismus verpönt.

taz: Und wie ist die Situation queerer Menschen in der „postsowjetischen“ Ära?

Schneider: Tatsächlich ist die Situation queerer Menschen im „postsowjetischen“ Raum sehr unterschiedlich. Zum Beispiel ist die Homoehe in Estland legal, während es in Usbekistan eine Gefängnisstrafe für homosexuelle Männer gibt. Es gibt Länder, in denen der russische Einfluss noch immer sehr stark ist.

Bild: privat
Im Interview: Norma Schneider

ist Lektorin, Journalistin und Autorin der Bücher „Punk statt Putin – Gegenkultur in Russland“ und „Queer. 100 Seiten“. Ihr Buch zum Vortragsthema soll 2027 erscheinen.

taz: Welche Länder zum Beispiel?

Schneider: In Kasachstan und Georgien wurden vor Kurzem Gesetze gegen die sogenannte homosexuelle Propaganda eingeführt. Daran sieht man, wie wirkungsmächtig queerfeindliche Narrative aus Russland im „postsowjetischen“ Raum sind. Russland betrachtet die Länder der ehemaligen Sowjetunion immer noch als Teil seiner Einflusssphäre und viele Länder sind ökonomisch abhängig von Russland.

taz: Zum Beispiel?

Schneider: Kirgistan, weil es dort keine Perspektive auf eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union gibt. Anders als im Fall von Georgien, wo es diese Perspektive lange Zeit gab. Dementsprechend orientiert man sich dort politisch sowohl an Russland als auch an China. Zudem sind die russischen Medien dort sehr verbreitet.

Russland betrachtet die Länder der ehemaligen Sowjetunion immer noch als seine Einflusssphäre und viele dieser Länder sind ökonomisch abhängig von Russland

Norma Schneider, Journalistin und Autorin

taz: Und wieso gibt es trotzdem so eine große Diskrepanz bei der Gesetzeslage in den Ländern des „postsowjetischen“ Raums?

Schneider: Russland ist nicht der einzige Wirkungspunkt. Ein anderer Einfluss queerfeindlicher Narrative ist zum Beispiel Religion, wie in Georgien. Dort ist die orthodoxe Kirche sehr einflussreich und es gibt viele nationalistische Christen, die queerfeindliche Gesetze befürworten. In den baltischen Ländern, die Teil der EU sind, hat man hingegen einen westlich geprägten Wertekanon. Dort sind diese Narrative zwar auch noch wirkungsmächtig, trotzdem gibt es mehr Offenheit in der Gesellschaft.

taz: Die meisten Nachfolgestaaten haben Homosexualität unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 entkriminalisiert. Warum ist aktuell eine Rückentwicklung der LGBTQI*-Rechte festzustellen?

Schneider: Mit Beginn von Putins Regime im Jahr 2000 wurde Queerfeindlichkeit immer stärker als politisches Machtmittel genutzt. Dabei geht es nicht um die queeren Menschen selbst – sie dienen als Sündenbock. Sie werden als Bedrohung von außen und als Ausdruck westlichen Werteverfalls gesehen. Dieses Feindbild stärkt nationalistische Narrative. In Usbekistan und Turkmenistan wurde der Paragraf, der Homosexualität verbot, im Übrigen nie abgeschafft.

Der Vortrag

Vortrag „Queeres Leben im „postsowjetischen“ Raum“: Do, 29. 1, 19 Uhr, Haus des Engagements, Eifflerstraße 43, Hamburg

taz: Wie sieht es heute für queere Communitys in den „postsowjetischen“ Staaten aus?

Schneider: Es gibt trotz allem in diesen Ländern queere Communitys, Kultur und gegenseitige Unterstützung. Je nach Situation findet das jedoch im Verborgenen statt. Als ich vor zweieinhalb Jahren in Kirgistan vor Ort recherchierte, habe ich einen verborgenen Gay-Club besucht – leider musste dieser aber auf Druck der Behörden schließen.

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