Journalismus in Coronazeiten: Keine Regierungs-PR

Seit Corona kommen Journalist*innen nur schwer nah ran an die Politik. Vor allem wenn sie zu Themen abseits von Corona recherchieren.

Merkel mit Maske

Auf immer mehr Kanälen kommuniziert die Kanzlerin mit der Öffentlichkeit Foto: Michael Sohn/ap

Mitte dieser Woche war die Enttäuschung mal wieder groß. Die Bundeskanzlerin hatte sich zur Pflege geäußert, wie wichtig diese sei, gerade auch während Corona. Angela Merkel trat vor eine Kamera, aber nicht eine der Medien: Sie äußerte sich in einer Videobotschaft an den Deutschen Pflegetag.

„Na super, wieder ein Termin ohne Nachfragen“, hieß es in einer Hauptstadtredaktion. Es war nicht das erste Mal. Seit einem dreiviertel Jahr müssen auch Politik und Medien auf Abstand gehen. Die Begegnungen nehmen ab, Botschaften auf anderen Kanälen zu.

„Wenn wir Interviews anfragen, heißt es schon mal, der Minister habe sich schon im eigenen Kanal geäußert, da könnten wir uns doch bedienen“, sagt Shakuntala Banerjee. Die stellvertretende Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios antwortet stets mit Protest: „Wir sind nicht die Abspielstationen der Regierungs-PR.“

Manchmal wäre es aber falsch, solche Äußerungen zu ignorieren. So geht es auch Tina Hassel, die das Hauptstadtstudio der ARD leitet. Etwa dann, wenn die Kanzlerin in ihrem eigenen Podcast an die Bevölkerung appelliert, sich und andere vor dem Virus zu schützen.

Ein Lerneffekt?

„Der Podcast der Kanzlerin, aber auch die Newsrooms der Parteien sind natürlich auch der Versuch, die üblichen Spielregeln zu umgehen“, sagt Hassel. Beide Studioleiterinnen beteuern: Ausschnitte im Programm gebe es nur, wenn auch die Umstände deutlich würden.

Die Begeisterung über dieses Phänomen hält sich in den Redaktionen sehr in Grenzen. Grundsätzlich sind viele Haupt­stadt­jour­na­lis­t*in­nen mit der Kommunikation der Regierung in diesen Zeiten aber durchaus zufrieden – zumindest jetzt, nach einigen Anlaufschwierigkeiten. „Die Regierung hat eingesehen, dass diese Pandemie nur mit einem Maximum an Kommunikation vernünftig zu bewältigen ist“, analysiert Banerjee. Hassel sieht vor allem eine Offensive, seit die „Querdenken“-Bewegung durch die Republik zieht und zudem Künst­le­r*in­nen lautstark auf ihre Notlage hinweisen.

Kerstin Münstermann, die Berlin-Chefin der Rheinischen Post (RP), glaubt sogar, dass die Bundesregierung aus der Flüchtlingskrise gelernt hat. Damals seien die Beteiligten „deutlich restriktiver“ gewesen. Nun sei das Bemühen groß, die Öffentlichkeit laufend und ausführlich zu informieren und auf kritische Fragen einzugehen. „Diese Offenheit darf gerne bleiben.“

Tatsächlich treten Regierende fast täglich vor die Presse. „Möglichkeiten, um unsere Fragen zu stellen, haben wir relativ viele“, sagt auch Nico Fried, der das Parlamentsbüro der Süddeutschen Zeitung leitet. Er sei jedenfalls „noch nie so oft für Pressekonferenzen im Kanzleramt gewesen wie in diesem Jahr“.

Andere Themen legen keine Pause ein

Allerdings fokussiere sich der Kontakt gerade zur Kanzlerin auf Corona – obwohl viele andere Themen keine Pause einlegten, darunter der Brexit oder die Lage der Flüchtlinge am Mittelmeer. Und auch die Recherchen abseits der Pressekonferenzen würden zäher.

„Wir alle haben unsere Kontakte, mit denen wir auch telefonieren können“, sagt Fried. „Mir fehlen aber die direkten Begegnungen jenseits von großen Terminen, gerade was die Regierungsmitglieder angeht.“

Wollte der Parlamentskorrespondent Merkel ansprechen, dann habe er gewusst, wo er sein Glück probieren konnte. Wenn die Kanzlerin den Bundestag besuchte, etwa an in der Cafeteria. „Sie blieb nicht immer stehen, aber immer mal wieder.“

Fried und andere berichten, dass ihnen vor allem die Auslandsreisen fehlten. Dort seien die Regierenden für ungezwungene Gespräche ansprechbar gewesen. Und jetzt? Ende August trafen Chefredakteure Merkel vertraulich im Kanzleramt. Amtsleiter Helge Braun, selbst Intensivmediziner, hat in Hintergrundgesprächen einem großen Teil der Hauptstadtpresse eindringlich die Sorgen vor der Überlastung des Gesundheitswesens erklärt. Außerdem informieren Gesundheits- und Innenminister mit Telekom und SAP über die Corona-Warn-App.

Misstrauen gegen Videokonferenzen

Vieles davon läuft per Videokonferenz. „Wenn da jemand seine Kamera ausgeschaltet hat, werden die Politiker*innen schnell nervös“, heißt es bei einzelnen Journalist*innen. Einige sprechen sogar vom Misstrauen, ob Dritte zuhören oder jemand mitschneiden könnte. Die Qualität dieser Formate, die grundsätzlich alle begrüßen, leide unter dem digitalen Kontakt.

Doch auch offizielle Begegnungen haben nun ihre Grenzen. „Wir bilden häufiger einen Pool“, sagt Hassel. Dadurch seien weniger Journalist*innen im persönlichen Kontakt mit ­Poli­ti­ke­r*in­nen. Informelle SMS oder Anrufe seien „noch mal wichtiger“ geworden.

Umso mehr freuen sich alle Korrespondent*innen darüber, dass Regierende fleißig die Bundespressekonferenz (BPK) besuchen, die Kanzlerin bereits drei Mal in diesem Jahr. „Aus anderen Ländern höre ich, dass man uns gerade jetzt um diese Institution beneidet“, sagt Hassel. Auch Banerjee vom ZDF sagt: „Mir ist es lieber, wenn wir uns alle in der BPK treffen.“

Die BPK ist quasi der Verein der Hauptstadtjournalist*innen. Sie moderieren und haken nach, statt bei unbequemen Fragen das Thema zu wechseln. Drei Mal in der Woche kommen die Sprecher*innen aller Ministerien und der Kanzlerin vorbei.

„Diese Regierungspressekonferenz ist aufgewertet worden in der Krise“, sagt RP-Journalistin Münstermann. Früher habe man die Mitglieder zählen müssen, die hingingen. „Heute ist es für jede Redaktion Pflicht, vor Ort oder wenigstens im Livestream dabei zu sein.“

Podcast, BPK und Videobotschaften

Für die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer ist die BPK eine „großartige Konstruktion“. Zur Kommunikationsstrategie der Regierung sagt sie: „Am Ende geht es darum, auf möglichst vielen und unterschiedlichen Kanälen zu kommunizieren, damit wir so viele Menschen wie möglich erreichen.“

Dazu gehörten Auftritte in der BPK ebenso wie Podcasts und Videobotschaften. Den Unmut darüber will Demmer nicht verstehen. Zwar hätten Jour­na­lis­t*innen diesmal zur Pflege nicht die Kanzlerin befragen können, wohl aber gleich drei Fach­minis­te­r*innen in der BPK, zwei Tage nach Bekanntwerden des Videos.

Die Kanzlerin, betont Demmer, sei „grundsätzlich sehr daran interessiert, ansprechbar zu sein“. Sie habe sich seinerzeit sogar aus ihrer Quarantäne heraus in telefonischen Pressekonferenzen den Fragen der Journalist*innen gestellt.

Doch wie geht es weiter? ARD-Journalistin Hassel meint, die „kommunikative Toolbox der Kanzlerin ist endlich“. Dass die Kanzlerin ihren Appell im Podcast eine Woche später öffentlichkeitswirksam wiederholen ließ, funktioniere nur ein, zwei Mal. „Ich bin gespannt, was sie dann macht.“

ZDF-Journalistin Banerjee fragt sich, wie die Regierung kommuniziert, wenn der Bundestagswahlkampf startet und die Parteien auch andere Themen wieder in den Vordergrund stellen müssten. „Dann wird sich zeigen, ob die Koalition bei der Kommunikation für die Pandemie ihr Fingerspitzengefühl beibehalten kann. Das wäre ein großes Kunststück.“

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