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John Green und das AnthropozänDie Welt wird wohl überleben

Autor John Green fördert in seinem ersten Sachbuch Überraschendes über unser Erdzeitalter zutage – mit einer nahezu unerträglichen Leichtigkeit.

Wer hätte gedacht, dass eine Trockennasenaffenart erfolgreich den Planeten erobern würde! Wir leben im Anthropozän, kaum ein Faktor bestimmt das Schicksal unserer Welt so sehr wie wir – ihr Nabel. Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? Bestseller-Autor John Green findet erstaunlich unterhaltsame Antworten.

Das Anthropozän schuf das Internetzeitalter; die Spezies Mensch kommt inzwischen kaum noch ohne die ubiqui­tären Online-Bewertungen von Restaurants, Sehenswürdigkeiten und Luffaschwämmen aus.

Green nimmt es zum Anlass, seine Erlebnisse des ­Menschseins in jener bekannten ­5‑Punkte-Skala zu bewerten. Einer Skala, die eigentlich für Computer designt ist – die können nämlich aus zusammenhängenden Beurteilungstexten nur schwer ein Urteil errechnen. Im Grunde also spielt dieser Text implizit mit der Möglichkeit, dass unsere Zufriedenheit mit unserem Weltzeitalter für ein universales Drittes, einen unabhängigen Computerbeobachter, dokumentiert wird.

Green unterzieht so unterschiedliche Phänomene wie die iPhone-Notizapp oder die Velociraptoren im Blockbuster „Jurassic Park“ seinem 5-Sterne-Check. Der Halley’sche Komet erhält dabei 4,5 Sterne, der News-Sender „CNN“ und seine Verwechslung von Nachricht mit Neuigkeit muss sich dagegen mit mageren 2 Punkten zufriedengeben.

Fundamentale Frage des Menschseins

Jeder Essay für sich genommen schlägt mit einer beinahe unerträglichen Leichtigkeit einen Bogen von einem winzigen, eigentlich belanglosen Phänomen zu einer fundamentalen Frage des Menschseins.

Ein schönes Beispiel ist die Fotografie „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“ von August Sander. Green berührt die Art, wie die drei jungen Männer, vom Fotografen scheinbar in ihrer Bewegung gestoppt, vor dem weiten Horizont in die Zukunft blicken. Ihre Gedanken gelten dem anstehenden Tanz, aber Green, der Betrachter, weiß, dass sie schon bald in den Ersten Weltkrieg ziehen werden.

Das Bild hält einen Moment in der Geschichte fest, über den die Menschen im Bild nicht hinaussehen können. Green betrachtet ein weiteres Bild, das ihn im Kreis von Freunden und ihren Kindern zeigt. Ohne Maske, ohne Sorgen. Einige Wochen später wird die Coronapandemie das Foto wie aus einer fremden Welt erscheinen lassen.

Greens Buch ist durchdrungen von einer spielerischen Leichtigkeit, die ­unversehens einem beinahe hypochondrischen Gedanken Platz macht: „Was bedeutet es, in einer Welt zu leben, in der wir die Macht haben, Arten zu tausenden auszurotten, in der aber auch ein einzelner RNA-Strang uns in die Knie zwingen oder sogar vernichten kann?“

Sie werden schon überleben

Seine „Notizen zum Leben auf der Erde“ sind sehr per­sönlich, unter anderem erzählt er von seiner Sucht nach Diet Dr. ­Pepper Soda, die eine ernst zu nehmende Zigarettensucht ­ablöste. Er erzählt auch von seinen Angstzuständen und seinem Bruder Hank, dem die Aufgabe zufällt, den ängstlichen John zu beruhigen. Aber zu Beginn der Coronapandemie kann der Bruder keinen besseren Trost bieten, als dass die Spezies als Ganzes schon überleben werde.

John und Hank Green haben als „vlogbrothers“ Millionen von Followern auf Youtube. John Green kennt man darüber hinaus als Jugendbuchautor. Vielleicht ist es das Genre, das Greens Fähigkeit schärft, komplexe Themen in einer vermeintlichen formalen wie ­inhaltlichen Einfachheit abzuhandeln.

Das Buch

John Green: „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? Notizen zum Leben auf der Erde“. Hanser Verlag, ­München 2021, 320 S., 22 Euro

Noch etwas sticht ins Auge: Der durchweg ironische Unterton des Buches, der so typisch ist für das Onlinezeitalter und seine Eingeborenen.

Im Kapitel zur Notiz-App staunt Green über seine persönlichen, unverständlichen, weil nicht mehr aktuellen Gedanken in alten Notizen. In seinem Buch, sozusagen der analogen Form der Notiz-App, fügen sie sich zu einer befreienden Erkenntnis: Das Menschsein, es ist gar nicht so übel. Ich vergebe 4 von 5 Punkten.

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