Jens Spahn und die Hebammen: Geburtenkontrolle à la CDU
Dass Hebammen bald studieren, wird ihnen mehr Respekt bringen. Den lässt aber der Gesundheitsminister Frauen gegenüber vermissen.
B is zu fünf Frauen in den Wehen gleichzeitig, Schichtarbeit und Hierarchien, die eigenverantwortliches Arbeiten unmöglich machen: Der Klinikalltag in der Geburtshilfe ist teils unzumutbar. Das gilt für gebärende Frauen, die allein gelassen oder schlecht behandelt werden, genauso wie für die Hebammen selbst. Die Folge: In jedem deutschen Kreißsaal können im Schnitt mehrere Hebammenstellen nicht nachbesetzt werden.
Die Dramatik der Situation wird durch das Gesetz, das der Bundestag am Donnerstag beschließen will und mit dem Gesundheitsminister Jens Spahn auf den letzten Drücker eine EU-Richtlinie umsetzt, höchstens sehr, sehr langfristig gemildert. Wenn Hebammen studiert haben, können sie weniger leicht zu Putzkräften degradiert werden. Doch die eigentlichen, frauenverachtenden Bedingungen in der Geburtshilfe kommen im Gesetz überhaupt nicht vor.
Zwar mischt sich Spahn hoch motiviert in den reproduktiven Lebenslauf von Frauen ein, unterstellt ihnen, die Pille danach wie „Smarties“ einzuwerfen, warnt davor, Schwangerschaftsabbrüche zu „normalisieren“, und lässt „psychische Störungen“ nach Abtreibungen untersuchen – eine Idee, die längst als PR-Masche sogenannter LebensschützerInnen entlarvt wurde. Doch dass Frauen, wenn sie ihre Schwangerschaft austragen, aus den oft als gewaltvoll erlebten Geburten zum Teil traumatisiert in die erste Zeit mit Kind starten, spielt keine Rolle. Denn die Bedingungen für Gebärende zu verbessern würde mehr kosten, als ihre Sexualität zu sanktionieren. Und Frauen das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung zuzugestehen steht ohnehin nicht zur Debatte.
Dabei sollten selbstbestimmte Geburten eine Selbstverständlichkeit sein. Eine 1:1-Betreuung in der Geburtshilfe, wie sie in anderen Ländern Standard ist, wäre ein erster Schritt. Spahn täte gut daran, diesen Schritt zu gehen und der psychischen und physischen Unversehrtheit von Frauen den nötigen Respekt entgegenzubringen.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert