Epstein-Files: Jeffrey Epstein und seine norwegischen Freunde
Norwegen ist wegen der Verstrickungen wichtiger Landsleute in Aufruhr. Zuletzt trat Topdiplomatin Juul zurück. Ihre Kinder standen in Epsteins Testament.
Norwegen will Antworten: Eine unabhängige Kommission soll her, um die Verbindungen mehrerer hochrangiger Vertreter des Landes zu Sexualverbrecher Jeffrey Epstein zu untersuchen. Die Ernennung des Gremiums sei eine Aufgabe für das norwegische Parlament, sagte Ministerpräsident Jonas Gahr Støre (Arbeiderpartiet) am Montag.
Die Forderung nach gründlicher Aufarbeitung hatten in den vergangenen Tagen bereits mehrere Parteien geäußert. Denn die jüngst veröffentlichten Epstein-Ermittlungsakten hatten in Norwegen einiges aufgewirbelt.
Nicht nur rüttelt der nun für alle einsehbare, übermäßig vertraute Austausch von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit mit Jeffrey Epstein plötzlich an den Grundfesten der Monarchie. Die Hälfte der Menschen im Land meint laut Umfragen, jetzt könne sie nicht mehr Königin werden. Dass ihr ältester Sohn, der nicht royale Marius Borg Høiby, zeitgleich unter anderem wegen Vergewaltigungsvorwürfen vor Gericht steht, verstärkt die Krise.
Aber damit nicht genug – auch in der politischen und diplomatischen Topriege Norwegens gab es Verbindungen zu Epstein. Größter auch international bekannter Name ist Thorbjørn Jagland. Der ehemalige Parteivorsitzende der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Ministerpräsident und Außenminister Norwegens stand von 2009 bis 2015 dem norwegischen Nobel-Komitee vor. Wenn von einer Institution moralische Integrität erwartet wird, dann von dieser.
Plauderton zwischen Jagland und Epstein
Auch in dieser Funktion, insgesamt über acht Jahre, stand Jagland in regem Austausch mit Epstein, wie die Aktenauswertungen norwegischer Medien jetzt zeigen. Vor Jahren hatte er jeglichen Kontakt verneint, später ein Treffen eingeräumt und Ende 2025 noch einmal mehr zugegeben – aber noch lange nicht alles, wie man nun weiß.
Der Ton zwischen dem Norweger und Epstein war informell. Jagland erwähnte seine Auslandsreisetermine – und dazu wie nebenbei die „außergewöhnlichen Mädchen“ in Tirana. Er bat zudem Epstein, einen Hauskredit für ihn abzusichern. Am Donnerstag gab die für Wirtschaftskriminalität zuständige Behörde in Norwegen bekannt, dass sie Ermittlungen gegen Jagland wegen Korruptionsverdacht einleitet.
Eine der letzten Verabredungen, die Epstein vor seiner Verhaftung 2019 geplant haben soll, war laut dem norwegischen Rundfunk NRK ein Abendessen in seiner Pariser Wohnung mit Jagland und Terje Rød-Larsen, einem weiteren früheren Minister und Diplomaten Norwegens.
Rød-Larsen hatte sich 2020 aus seinem New Yorker Thinktank International Peace Institute (IPI) zurückgezogen, nachdem seine Verbindung zu Epstein und dessen finanzielle Unterstützung für IPI bekannt wurden. Wie weit er und seine Familie mit Epstein verbunden waren, wurde jetzt erst klar. Rød-Larsens Ehefrau ist die norwegische Topdiplomatin Mona Juul. Die beiden Kinder des Paares standen laut norwegischen Medien in Epsteins Testament, das er zwei Tage vor seinem Tod unterschrieben hatte, sie sollten jeweils fünf Millionen Dollar erben.
Juul wegen Vorwürfen suspendiert
Von ihren Aufgaben als Botschafterin für Jordanien und Irak wurde Juul vor einer Woche suspendiert. Norwegens Außenminister Espen Barth Eide sprach von einem Versagen ihres Urteilsvermögens und kündigte Untersuchungen an. Nun hat die 66-Jährige selbst ihr Amt niedergelegt.
Auch Børge Brende, ehemaliger Außenminister der konservativen Høyre und seit 2017 Präsident des Weltwirtschaftsforums (WEF) steht wegen Epstein-Kontakten in der Kritik. Auch beim WEF wurde eine Untersuchung eingeleitet – laut Brende auf seine eigene Initiative hin.
Die Erkenntnisse der letzten Tage kratzen am norwegischen Selbstbild. Hat man nicht gemeinsam eine der fortschrittlichsten, gerechtesten und korruptionsärmsten Gesellschaften weltweit geschaffen? Der unfreiwillige Blick in die Abgründe trifft da womöglich besonders hart.
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