piwik no script img

Italien fehlt bei Fußball-WMWir können nicht Profi

Italien verpasst zum 3. Mal hintereinander eine Männer-Fußball-WM. Die Reaktion des Verbands deutet an: Noch ist der Niedergang nicht gestoppt.

Schlacht verloren: Gianluigi Donnarumma führt die geschlagene Squadra Azzurra vom Platz Foto: Imago/La Presse

Der Tränenfluss war ungebremst im klitzekleinen Stadion Zenica in Bosnien und Herzegowina. Die Gastgeber weinten vor Freude über den historischen Sieg gegen Italien, die einstige Fußballgroßmacht.

Trauer und Scham hingegen bei der Abordnung von der anderen Seite der Adria. Francesco Pio Esposito, einer der Unglücksschützen im Elfmeterschießen, verbarg sein Gesicht unter dem Trikot. Keeper Gianluigi Donnarumma, der mit seinen Paraden Italien überhaupt erst zum Elfmeterkrimi gebracht hatte, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schien im Boden versinken zu wollen.

Auch commissario tecnico Gennaro Gattuso hatte feuchte Augen. „Es ist einfach bitter und tut unendlich weh. Mir tut es vor allem leid, dass wir zum dritten Mal hintereinander nicht zur WM fahren“, sagte er.

Verbandspräsident Gabriele Gravina sagte, Erfolge in anderen Sportarten kämen doch nur von Amateuren.

Zu dem Zeitpunkt hatten die Zeitungen und Onlineportale ihre Schlagzeilen schon längst fertig. „Alle nach Hause“ titelten unisono die Tageszeitung Repubblica und das Sportblatt Corriere dello Sport. Die Gazzetta dello Sport griff tief in den Metaphernkasten und sprach von der „dritten Apokalypse“, die die schrecklichste von allen sei, denn ihr gingen bereits zwei Apokalypsen voraus. „Jetzt sind wir nicht mehr schockiert, es war auch keine unvorhersehbare Katastrophe. Es wird vielmehr Normalität“, lautete die Situationsbeschreibung.

Helden, die unverdient scheitern

Während von außen fleißig an Untergangsszenarien gemalt wurde, dominierten im Inneren die Durchhalteparolen. Gattuso etwa lobte seine Spieler als „Helden“ und verstieg sich zu der These, nach all den Anstrengungen der vergangenen Monate hätten sie so ein Ergebnis nicht verdient.

Natürlich war es achtenswert, dass der einstige Mittelfeldterrier auch in dieser schlimmen Stunde zu seinen Spielern stand. Von ihm als diplomiertem Fußballtrainer hätte man sich aber auch eine Analyse erhofft. Dass die fehlte, unterscheidet ihn markant von den sogenannten Laptop-Kollegen à la Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel. Die führen mit gut geölter Zunge gegebenenfalls nicht gut interpretierte Rollenprofile oder fehlende Holding Sixes als Ursachen für Underperformances, wie es so schlecht neudeutsch heißt, ins balldiskursive Feld. Gattuso hingegen erging sich in einer Feier der Moral seiner Truppe.

Dabei war offensichtlich, dass vor allem die fußballerischen Mittel gefehlt hatten. Allzuviele Chancen spielten sich die Azzurri nicht heraus. Und die wenigen, die sie hatten, vergaben sie eher kläglich. Das Führungstor, das Italien erzielte, verdankte es einem Fehlpass des bosnischen Keepers. Im Elfmeterschießen gab es bei drei Versuchen zwei Fehlschüsse. Klassische Playoff-Hausaufgaben nicht gemacht, darf man da konstatieren.

Trainer gehen, Funktionäre bleiben

Der Trainer dürfte nach diesem Auftritt nicht zu halten sein. Delegationsleiter Gianluigi Buffon hatte sein Verbleiben ohnehin vom Erreichen der WM abhängig gemacht. Dass er die letzten drei Monate bis Juni seinen Vertrag noch erfüllen will, hat lediglich mit Respekt gegenüber dem Verband zu tun.

Die dortigen Funktionäre zeichnen sich vor allem durch enorme Klebebereitschaft an Stühlchen und Pöstchen aus. Der Corriere dello Sport jedenfalls meldete, dass Gattuso und Buffon noch in der Nacht mit ihrer Demission vorstellig geworden seien, Verbandspräsident Gabriele Gravina das aber genau deshalb ablehnte, weil er selbst noch bleiben will. Gravina betonte, dass über sein Schicksal nur die Verbandsgremien entscheiden könnten. Allerdings wird die Luft für den Spitzenfunktionär dünner. Im italienischen Parlament forderten Abgeordnete schon den Sportminister auf, Gravina schleunigst zu entlassen.

Der dürfte mittlerweile auch weite Teile des italienischen Sports gegen sich aufgebracht haben. Auf die Frage, warum Italiener und Italienerinnen in anderen Sportarten derzeit so erfolgreich sind, etwa zuletzt bei Olympia im Wintersport oder als Volleyballerinnen in Paris, entblödete sich der Fußballboss nicht zu sagen, das seien doch fast alles Amateure, und deshalb, so der Umkehrschluss, käme der Erfolg zustande.

Gravina vergaß dabei, dass auch Tennisprofi Jannik Sinner derzeit die Szene mit dem Filzball bestimmt und Kimi Antonelli Jugendrekorde in der Formel 1 gleich in Serie bricht. Alles Vollprofis aus Italien. Allerdings nicht innerhalb von Verbandsstrukturen entwickelt.

Laut Gravinas Analyse bleiben dem nächsten Trainer der Squadra Azzurra nur zwei Wege: Entweder voll auf den Amateurbereich im Fußball setzen, also vierte Liga und tiefer, oder das Nationalteam komplett aus dem Verband herauslösen, damit endlich Profis ungestört von inkompetenten Funktionären den Job machen können.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

0 Kommentare