piwik no script img

Israels Militäroffensive Pulverfass Dschenin

Susanne Knaul

Kommentar von

Susanne Knaul

Israels Militär zieht mit Massenaufgebot ins Flüchtlingslager von Dschenin. Die palästinensischen Sicherheitskräfte habe jede Kontrolle verloren.

A usgerechnet im Flüchtlingslager von Dschenin startet die israelische Armee ihre größte Militäroperation seit 20 Jahren. Die Bilder der Panzerfahrzeuge, der Bulldozer und der Rauchwolken, die aus den bombardierten Häusern aufsteigen, wecken düstere Assoziationen. Das Flüchtlingslager war während der zweiten Intifada schon einmal Schauplatz heftigster Gefechte. Die Mission der SoldatInnen lautete einst wie jetzt: Vergeltung für und Prävention von Terroranschlägen.

Völlig unterschiedlich ist indes inzwischen die politische Gemengelage. Damals bekämpften sich der Hardliner Ariel Scharon und der legendäre PLO-Chef Jassir Arafat. Heute sind Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas zwar auch nicht gerade beste Freunde.

Aber es besteht seit Beginn der politisch-geografischen Aufteilung der Palästinensergebiete in Westjordanland und Gazastreifen 2007 eine enge Zusammenarbeit von Israels Armee und den palästinensischen Sicherheitskräften gegen den gemeinsamen islamistischen Feind.

Diese Sicherheitskooperation funktioniert erstaunlich gut – nur in Dschenin nicht. Gegen Abbas, den Präsidenten ohne gültiges Mandat, formiert sich der Widerstand. Die Stadt im nördlichsten Zipfel des Westjordanlandes entgleitet ihm, seine Sicherheitstruppen haben keine Kontrolle mehr über die bewaffneten Guerillas. Dieses Vakuum soll das israelische Militär füllen. Schuld an der Misere ist der Palästinenserpräsident selbst, auch weil er Wahlen stets abzuwenden wusste und vom Abtreten nichts hören will.

Die marode Sicherheitslage ist aber auch Israel anzukreiden. Netanjahu wäre es nur recht, wenn Abbas’ Sicherheitstruppen für Ruhe sorgen im West­jordanland. Seine ultrarechten Koali­tionspartner hingegen sehen gerade in Abbas und seiner Autonomiebehörde ein Problem, das es zu zerstören gilt. Annexion und weg mit den palästinensischen Sicherheitskräften, an deren Stelle Israels Armee rückte.

Eine Rückkehr ins Jahr 1994. Gefechte wie in Dschenin gäbe es dann wieder überall im Westjordanland.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Susanne Knaul

Susanne Knaul Redakteurin Meinung

1961 in Berlin geboren und seit 2020 Redakteurin der Meinungsredaktion. Von 1999 bis 2019 taz-Nahostkorrespondentin in Israel und Palästina.
Mehr zum Thema

7 Kommentare

 / 
  • HRMe

    Und die Welt schaut zu und läßt sowohl die Militärs wie die marodierenden "Siedler" gewähren.

    • 3G
      31841 (Profil gelöscht)

      @HRMe:

      Zuschauen oder nicht zuschauen - der langfristige Trend wurde dadurch nie gestoppt. Daher die Frage, wie stellen sich die Bürger Israels die weitere Entwicklung ihres Landes und ihrer Lebenskultur vor, wenn diese Angelegenheit bis zu einem fiktiven Ende immer weiter getreiben wird?

  • tomás zerolo

    @CHRISTINE RÖLKE-SOMMER

    Ja, richtig: die sind aber auch genau Teil dieses ganzen grossen Pulverfasses. Die Siedler sind sich sicher, dass sie durch Gewalteskalation gewinnen werden. Da kommt ihnen das harte Durchgreifen des israelischen Militärs nur recht.

  • christine rölke-sommer

    wenn Jenin ein pulverfaß ist, was sind dann die siedler, die nahezu täglich palästinenserinnen,deren herden, deren landwirtschaft, deren schulkinder uswusf angreifen?

    • Sven Günther

      @christine rölke-sommer:

      Das sind religiöse Spinner, teilweise gewalttätig Spinner. Mekhoz Yehuda ve'ha'Shomron, Judäa und Samaria gehört nicht zu Israel, egal was die sich aus dem Talmud herauslesen.

      • 2G
        2422 (Profil gelöscht)

        @Sven Günther:

        Ich denke, es geht hier um die Worte, die die TAZ wählt, um die israelische Militäraktion zu rechtfertigen. Und in Ihrem Kommentar fehlt, dass die "religiösen Spinner, teilweise gewalttätig" immer wieder von der IDF unterstützt werden.

  • 3G
    31841 (Profil gelöscht)

    "Heim und Garten", schöne Adresse im politischen Idyll der Besatzer.



    Wechselseitige Eskalation, die isralischen Besatzer sind letzlich militärisch mächtiger. Wie soll eine Ende der zur Eskalation führenden Verhältnisse aber aussehen?