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Iran und der KriegBricht die Wirtschaft dem Regime das Genick?

Die marode Wirtschaft ist die Achillesverse der Islamischen Republik, die Inflation im Land steigt. Könnte die US-Seeblockade ihr den Gnadenstoß versetzen?

Ein Batzen Scheine für eine Handvoll Dollar wäre die beste Zusammenfassung der wirtschaftlichen Situation Irans Foto: Majid Asgaripour/Wana News Agency/Reuters

Wer in Iran zurzeit versucht, 50 Euro zu tauschen, bekommt dafür einen handbreiten Stapel iranischer Scheine. Die Zentralbank in Teheran kommt der Entwertung der iranischen Währung mit dem Drucken neuer Banknoten gar nicht hinterher. Erst im März kam die bisher höchste Banknote in Umlauf, ihr Wert entspricht 10 Millionen Rial. Umgerechnet sind das wenig mehr als sechs Dollar.

Solche Maßnahmen werden den Kollaps der iranischen Wirtschaft kaum aufhalten. Laut Medienberichten wandte sich Abdolnaser Hemmati, Vorstehender der iranischen Zentralbank, deshalb vor kurzem an den Präsidenten Massud Peseschkian: Die wichtigsten Maßnahmen, um die Wirtschaft wieder zu stabilisieren, seien ein Ende der staatlichen Internetsperre und ein Friedensabkommen mit den USA.

Doch während die Verwalter des Landes warnen und auf Kompromisse drängen, sind die ideologisch getriebenen Revolutionsgarden – der größte Machtfaktor in Iran – bereit für die nächste Eskalation. Trumps Seeblockade, die seit Montag in Kraft ist, nannte Iran „Piraterie“. Als Reaktion darauf drohte Iran die Häfen der Golfstaaten anzugreifen.

Die empfindliche Reaktion aus Teheran auf Trumps Seeblockade, die seit Montag in Kraft ist, hat gute Gründe. Denn die Blockade zielt direkt auf die ohnehin schon angeschlagene iranische Wirtschaft.

Wer hält länger durch: Iran oder die Weltwirtschaft?

Bisher hatte Iran die Seestraße nur für Schiffe der USA und seiner Verbündeten blockiert. Andere Schiffe, etwa solche unter chinesischer Flagge, durften im Gegenzug mit einer illegitimen Mautzahlung die Straße passieren. Nun sollten „entweder niemand oder alle“ die Seestraße passieren können, so begründete Trump die Blockade.

Die USA haben erkannt, dass Iran, noch mehr als der Rest der Welt, auf offene Handelsrouten durch die Straße von Hormus angewiesen ist. Mehr als 90 Prozent des jährlichen iranischen Handelsvolumens werden auf dem Seeweg abgewickelt, darunter auch Importwaren, wie Elektronik, Lebensmittel und Arzneiwaren.

Nun kommt es also darauf an, wer eine vollkommene Blockade länger durchhält: die iranische oder die Weltwirtschaft? Für Iran stehen die Zeichen schlecht. Bereits vor dem Krieg befand sich die Währung im freien Fall. Die schlechte Wirtschaftslage war der Auslöser für den Massenaufstand, bei dem Millionen Iraner im Dezember und Januar ein Ende der Islamischen Republik forderten.

Es droht eine Inflation bis 180 Prozent

Ehsan Amini, 25 Jahre alt, hat damals selbst an Protesten teilgenommen. Nun berichtet er der taz, dass sich die Lage seit Beginn des Krieges dramatisch verschlechtert habe. Amini heißt eigentlich anders, auch die südiranische Kleinstadt, in der er lebt, soll hier aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden. Obwohl Amini in einer der besten Universitäten des Landes Chemie studiert hat – eigentlich ein gefragtes Fach auf dem Arbeitsmarkt – ist er seit seinem Studienabschluss vor einem Jahr arbeitslos. Seitdem hilft er manchmal im Elektroladen seines Vaters aus. „Seit Beginn des Krieges muss ich ständig neue Preisschilder an die Ware hängen. So schnell steigen die Preise“, sagt Amini.

Die Warnungen, die die iranische Zentralbank nun fast täglich verfasst, gehen in eine ähnliche Richtung. Es drohten eine Inflation bis 180 Prozent und zwei Millionen zusätzliche Arbeitslose in den kommenden Monaten. Laut der größten Wirtschaftszeitung des Landes Donya-e Eghtesad werden Jahre vergehen, um allein die Infrastrukturschäden zu beheben. Sollte es Trump gelingen, die Seeblockade aufrechtzuerhalten, wäre dies wohl der Gnadenstoß für die iranische Wirtschaft.

Auch wenn belastbare Zahlen fehlen, berichtet allein unter den Kontakten der taz schon jetzt eine große Zahl an Menschen, nur noch von den eigenen Ersparnissen zu leben. Seit Beginn des Krieges wurden unzählige Angestellte freigestellt, Löhne werden nicht mehr ausbezahlt.

Die Achillesverse des Regimes

So zynisch die US-amerikanische Strategie auch ist: sie könnte aufgehen. Denn für ein Regime, das in der eigenen Bevölkerung seinen gefährlichsten Feind sieht, ist die Wirtschaft die große Achillesverse.

Dabei ist es so: Jedes Mal wenn Bomben auf Iran fielen, stärkte dies zumindest kurzfristig und in Teilen der Bevölkerung einen nationalistischen Zusammenhalt. Dank des Krieges konnten sich die Revolutionsgarden als standhafte Verteidiger der Nation inszenieren – und sich damit als die wahren Machthaber im Land legitimieren. Davon profitierte das Regime kurzzeitig.

Doch die materielle Not wiegt schwerer. Bemerkbar wird dies etwa in der iranischen Justiz. Auch manche Richter und Angestellte bekamen wochenlang schon keine Löhne mehr ausbezahlt. „Die Richter werden dadurch bestechlich“, sagt ein iranischer Aktivist gegenüber der taz. Er und andere Aktivisten sammelten nun Geld, um damit Richter zu schmieren und die Haftstrafen für verurteilte Demonstranten zu reduzieren.

Noch ist unklar, wie lange die USA die Blockade aufrechterhalten werden. Insbesondere aus China wird wohl der Druck steigen, die Straße von Hormus wieder zu öffnen. Experten wie Dan Alamariuo von der Research-Firma Alpine Macro, gehen davon aus, dass militärische Konfrontationen die Überlebenszeit des Regimes eher verlängern. Während ein Wirtschaftskollaps den Sturz des Regimes eher beschleunigt – auch wenn bis dahin noch ein bis drei Jahre vergehen können.

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1 Kommentar

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  • Sehr guter Artikel, aber ist der Iran nicht auch gewohnt an Sanktionsversuche? Und sind diese nicht auch viel tödlicher für die Bürger, wenn z. B. schnell Medikamente ausgehen?

    Könnte das einer Opposition helfen oder befeuert es den Hass auf den ewigen Feind USA?